• vom 23.07.2018, 09:00 Uhr

Chronik

Update: 23.07.2018, 16:28 Uhr

Vulva

Schön im Schritt




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Von Bettina Figl

  • Die einen lassen sich ihre Schamlippen kürzen, die anderen feiern die Vulva als Kunstobjekt. Das weibliche Geschlecht als Kampfzone und Goldgrube.

- © Gloria Dimmel

© Gloria Dimmel

Wien. Unten ohne und breitbeinig sitzt Anna Daxbacher in einem Ohrensessel, während ihr die Künstlerin Gloria Dimmel graue Abdruckmasse auf das Genital schmiert. In einer Privatwohnung im 17. Bezirk lässt sie einen Gipsabdruck ihrer Vulva – dem äußeren weiblichen Geschlecht – anfertigen. Wozu? "Man sieht sich nie so", sagt die junge Frau mit den tätowierten Armen. "Also nicht in dieser Perspektive, nicht in 3D."

Dimmel startete das Projekt im Selbstexperiment nach Vorbild des britischen Künstlers Jamie McCartney, der in Brighton mit einer Wand aus 400 Vagina-Abdrücken im Vorjahr Furore machte. Ziel dieser Aktionen ist es, die Vielfalt der Vulven zu zeigen.

Information

Wer "Vagina" oder "Scheide" sagt, meint meist die Gesamtheit der äußeren primären Geschlechtsorgane – also die Vulva. Sie besteht aus Venushügel, inneren und äußeren Schamlippen, Klitoris, Harnröhren- und Scheidenöffnung. Die Vagina ist lediglich jene Körperöffnung, die die Vulva mit der Gebärmutter verbindet – also jenem Schlauch, mit dem man Penetrationssex hat und Kinder gebärt.
Weltweit boomt das Geschäft mit der Labioplastik: Meistens werden bei diesem chirurgischen Engriff die inneren Schamlippen, die Labien, gekürzt.

Literaturtipps:


Viva la Vagina!: Alles über das weibliche Geschlecht
von Nina Brochmann, Ellen Støkken Dahl, S. Fischer Verlag, 2018

Das beherrschte Geschlecht: Warum sie will, was er will, von Sandra Konrad, Piper Verlag, 2017

Vulva: Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts
von Mithu M. Sanyal, Wagenbach Verlag, 2017

Wenig Kontakt im Alltag

"Hier sieht man, wie verschieden alle sind. Und alle sind schön", sagt Daxbacher und blickt auf die Abdrücke, die sich zu Dutzenden in Dimmels Schlafzimmer stapeln.

Ob in der Dusche oder am WC: Männer kommen mit ihrem Geschlecht im Alltag ständig in Berührung. Wollen Frauen in ihr "zweites Gesicht" blicken, müssen sie ein wenig kreativer werden, und manche finden sich untenrum so hässlich, dass sie lieber gar nicht hinschauen: Laut einer australischen Studie wissen 50 Prozent der Frauen nicht, wie eine "normale" Vulva aussieht. Eine von sieben kann sich vorstellen, sich operieren zu lassen.

In Selbsterfahrungsgruppen zum "dunklen Kontinent"


Den 68er-Frauen dürfte es alle Haare aufstellen, wenn sie das hören. Schließlich kämpften sie vor 50 Jahren für die Emanzipation des sozialen, aber auch des biologischen Geschlechts. Mit Spiegeln bewaffnet traf man sich in Selbsterfahrungsgruppen, um den "dunklen Kontinent" – wie Sigmund Freud die weibliche Sexualität nannte – zu erforschen.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute wird Sexualität nicht mehr in Hippie-Kommunen ausverhandelt, sondern auf Porno-Seiten im Internet. Hier lernen Jugendliche, wie Sex zu funktionieren und ihr Geschlecht auszusehen hat. Das hat weitreichende Folgen. Studien zeigen zwar, dass junge Menschen zwischen Porno und Realität unterscheiden können.

Doch von Schönheitsidealen bis hin zu Sexpraktiken prägt sich so manches eben doch ein: Viele Teenager glauben, Ins-Gesicht-Spritzen und Analsex gehörten dazu, und das durchaus beim ersten Mal, beschreibt die Psychologin und Autorin Sandra Konrad in ihrem Buch "Das beherrschte Geschlecht". Sie sprach mit Dutzenden Frauen zwischen 18 und 45 Jahren über Sex. Unter anderem fragte sie, ob die Frauen ihr Geschlecht mögen. "Hab‘ ich mir noch nicht sooo genau angeguckt", "Ganz ehrlich: Nicht wirklich, ich finde es überhaupt nicht schön" oder "Penisse sehen irgendwie hübscher aus" waren typische Antworten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-05 17:55:46
Letzte Änderung am 2018-07-23 16:28:45


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