• vom 08.08.2018, 18:01 Uhr

Chronik

Update: 08.08.2018, 18:44 Uhr

Kriminalstatistik

Mehr Anzeigen wegen Vergewaltigung




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Von Marina Delcheva

  • Fast alle Straftaten sind zurückgegangen.



Wien. Die erfreuliche Nachricht zuerst. In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden so wenige Straftaten wie seit langem nicht mehr angezeigt. Nach vorläufigen Zahlen des Bundeskriminalamts wurden im ersten Halbjahr 228.887 Anzeigen bearbeitet. Das sind um zehn Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2017.

Die schlechte Nachricht: Neben der Cyberkriminalität (ein Plus von sieben Prozent) sind die Anzeigen wegen Vergewaltigung deutlich gestiegen. Wurden im ersten Halbjahr 2017 noch 261 mutmaßliche Vergewaltigungen angezeigt, waren es heuer 374. Das ist ein Plus von 43 Prozent. Gestiegen sind nicht nur die Anzeigen, sondern auch die Verurteilungen, wie eine Anfrage der "Wiener Zeitung" beim Justizministerium zeigt. Bis 31. Juli gab es österreichweit 74 Verurteilungen wegen Vergewaltigung und 115 wegen sexueller Belästigung. Im gesamten Vorjahr waren es 107 beziehungsweise 169. Und: Es werden auch immer öfter sexuelle Übergriffe im Netz angezeigt.


Afghaninnen erstatten Anzeige
Mehr Anzeigen gleich mehr Vergewaltigungen - ganz so einfach lässt sich der starke Anstieg nicht erklären. "Ich bin seit 30 Jahren in diesem Geschäft, und ich sehe schon, dass die Bereitschaft, eine sexuelle Straftat anzuzeigen, bei Frauen höher geworden ist", sagt Ursula Kussyk vom Frauennotruf. "Es hat wirklich geholfen, dass sexuelle Gewalt öffentlich thematisiert wird." Frauen hätten zunehmend weniger Hemmungen, zur Polizei zu gehen.

Ein Indiz dafür sind die Anzeigen, die von Afghaninnen eingebracht wurden. Bis Juli haben nämlich neun afghanische Staatsbürgerinnen Anzeige wegen mutmaßlicher Vergewaltigung erstattet. Das ist nicht viel, aber im gesamten Vorjahr hat das keine Einzige gemacht. Hier trage die Aufklärungsarbeit innerhalb der Community und in Wertekursen zur Anzeigenbereitschaft bei, meint Silvia Kahn, Sprecherin des Bundeskriminalamts.

In stark religiös und patriarchal geprägten Gruppen ist die Angst vor Behörden oder Schande über die Familie zu bringen groß. "Wir merken aber, dass zum Beispiel geflüchtete Frauen in Beratungen lernen, welche Rechte sie hier haben und diese nutzen", so Kussyk. Umgekehrt gibt sie zu bedenken, dass bei Männern, die in diesem Umfeld aufwachsen, auch die Bereitschaft zur Gewalt höher ist und auch Übergriffe an Frauen häufiger vorkommen.

"Der überwiegende Teil der Vergewaltigungen entsteht in einem Bekanntheitsverhältnis", erklärt Kuhn. Bei 70 der angezeigten Übergriffe kannte das Opfer den Täter - der Freund oder Ex-Mann, ein Verwandter, ein Kollege, eine neue Bekanntschaft. Was den Anstieg der Anzeigen nach Ethnie angeht, sei dieser in fast allen Gruppen gleich stark, erklärt Kuhn.

Seit 2015 sind auch die Anzeigen wegen sexueller Belästigung deutlich gestiegen. Damals wurde der sogenannte Pograpsch-Paragraf verschärft. Damit konnte man auch Übergriffe ahnden, die bis dahin straffrei waren.

Laut dem Österreichischen Institut für Familienforschung wurden drei Viertel aller Frauen in Österreich schon mindestens ein Mal sexuell belästigt. Jede Dritte hat sexuelle Gewalt oder sogar eine Vergewaltigung erlebt. Nur ein Bruchteil dessen wird überhaupt zur Anzeige gebracht.




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Dokument erstellt am 2018-08-08 18:11:27
Letzte Änderung am 2018-08-08 18:44:23


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