• vom 20.08.2018, 17:41 Uhr

Chronik

Update: 20.08.2018, 18:40 Uhr

EFA18

Der Umgang mit dem Vergessen




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Von Jan Michael Machart

  • Obwohl Demenz nicht heilbar oder therapierbar ist, kann eine frühe Diagnose hilfreich sein.

Das Gedächtnis ist eine teilweise gelöschte Tafel.

Das Gedächtnis ist eine teilweise gelöschte Tafel.© Publicdomainpictures.net / WZO / Jatzek - PD Das Gedächtnis ist eine teilweise gelöschte Tafel.© Publicdomainpictures.net / WZO / Jatzek - PD

Alpbach. Hausärzte kennen ihre Patienten wahrscheinlich am besten. Oft schon seit Jahrzehnten sind sie für sie erste Ansprechpartner. Müssten sie es dann nicht am ehesten erkennen, wenn jemand vergesslich wird? Das ist deswegen bemerkenswert, weil viele Patienten in einem frühen Stadium der Demenz keine Diagnose erhalten, obwohl sie vielleicht schon erkennbare Symptome aufweisen. 200.000 demenzielle Personen soll es in Österreich geben. Die Dunkelziffer ist höher.

Heute kann sich jemand vielleicht nicht mehr daran erinnern, worüber gestern gesprochen wurde, wo er seine Schlüssel hingelegt hat. Er geht einkaufen, vergisst aber seine Brieftasche und nebenbei, wo er wohnt. Und morgen fallen ihm die Namen seiner Kinder nicht mehr ein. Die Abhängigkeit von Angehörigen wächst in dem Maße, in dem ein demenziell erkrankter Mensch seinen Alltag nicht mehr alleine bewältigen kann.


Vereinsamte Angehörige
Das Thema Demenz stand auch im Mittelpunkt einer Diskussionsrunde im Rahmen der Alpbacher Gesundheitsgespräche. In vielen Fällen kümmern sich die Angehörigen selbst zu Hause um den Erkrankten. Die Betreuung ist anstrengend, und meist suchen sich Pflegende erst dann Hilfe, wenn sie daran schon verbrannt sind, sagt Stefanie Sandra Wiloth, Gerontologin der Universität Heidelberg. Wiloth spricht von Burn-out, Depression und Angst vor dem Älterwerden bei den pflegenden Angehörigen.

Aber auch die Vereinsamung ist ein Thema, da die Pflege von demenziellen Personen ab einem gewissen Betreuungsgrad so viel Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, dass sich der Kaffee mit Freunden immer seltener ausgeht - bis es gar keine Pause mehr gibt. "Demenz ist nach wir vor mit viel Scham besetzt, weil es nicht sozial adäquat ist", sagt Ilse Simma-Boyd, Leiterin der Caritas Pflege in Wien und nennt einen Hauptgrund dafür, warum sich Angehörige meist sehr spät professionelle Unterstützung suchen. Die Caritas bietet dafür psychosoziale Betreuung an.

Viel zu wenig wird aber auch auf den Erkrankten selbst eingegangen, sagt Martina Roes, Standortsprecherin des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen, weil man annimmt, dass sie ohnehin kognitiv eingeschränkt seien. Daher hält sich auch die professionelle Betreuung eher an die Angehörigen. Roes plädiert für mehr Selbstbestimmtheit, die Pflege der demenziellen Person müsse mehr über Beziehung und Kommunikation passieren.

Die Herausforderung fängt aber schon damit an, dass Demenz nicht generalisierbar, sondern jede demenzielle Person für sich "ein Unikat" ist, sagt Roes. So individuell die Bedürfnisse der Erkrankten sind, so individuell sind auch jene der Angehörigen. Dahingehend müsse die Pflege besser organisiert werden.

Auch wenn Demenz nach wie vor nicht heilbar ist und es keine Therapie dafür gibt, ist es wichtig, dass die Diagnose Demenz überhaupt gestellt wird, wenn Symptome auftreten. Der Weg dahin ist schon einmal weit genug.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-20 17:50:39
Letzte Änderung am 2018-08-20 18:40:27


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