• vom 08.11.2018, 17:59 Uhr

Politik

Update: 08.11.2018, 20:01 Uhr

Novemberpogrome

"Mein Sieg über Hitler sind meine Nachkommen"




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Von Petra Tempfer

  • Nigal war 15, als Nazis in der Nacht auf den 10. November 1938 die Synagogen in Brand setzten. Er überlebte.

Holocaust-Überlebender Zwi Nigal 80 Jahre nach den Novemberpogromen in seiner alten Schule in Wien.

Holocaust-Überlebender Zwi Nigal 80 Jahre nach den Novemberpogromen in seiner alten Schule in Wien.© APA/HERBERT PFARRHOFER Holocaust-Überlebender Zwi Nigal 80 Jahre nach den Novemberpogromen in seiner alten Schule in Wien.© APA/HERBERT PFARRHOFER

Wien. Schon am Nachmittag des 9. November 1938 "begann ich zu ahnen, dass etwas los ist. Ich war allein zuhause. Die Hausbesorgerin, die kaum gehen konnte, kam zu mir und sagte: ,Sei vorsichtig. Die Gestapo ist im Haus.‘" Zwi Nigal, damals noch Hermann Heinz Engel, sei zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt gewesen, erzählt der heute 95-Jährige bei einem Besuch in seiner alten Schule, der AHS Zirkusgasse in Wien-Leopoldstadt, am Donnerstag. Mit seinen Eltern habe er in der nahe gelegenen Großen Stadtgutgasse 34 gelebt.

Kurze Zeit nach der Hausbesorgerin klopfte es wieder. "Vor der Tür sind zwei Männer im Ledermantel gestanden, man hat die Konturen der Pistole in ihren Taschen gesehen. Sie wollen die Wohnung sehen, haben sie gesagt." Vor der Fotografie des Onkels, der im Ersten Weltkrieg gefallen war, und die gemeinsam mit dessen Säbel an der Wand hing, seien sie stehen geblieben. "Und sie gingen. Wir hatten Glück."


Neun Prozent Juden in Wien
Viele andere Juden, die damals rund neun Prozent der Bevölkerung Wiens bildeten, hatten dieses Glück nicht. In dieser Nacht auf den 10. November 1938 setzten Nationalsozialisten mehr als 1400 Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen im Deutschen Reich unter Adolf Hitler (von 1933 bis 1945) in Brand oder zerstörten sie. Hunderte Juden starben, unzählige Jüdinnen wurden vergewaltigt. Nachweislich 26.000 Juden kamen danach ins Konzentrationslager.

Es war die Nacht der Novemberpogrome, die als entscheidender Schritt von der Diskriminierung der Juden, die bereits 1933 gestartet war, hin zur Judenvernichtung in die Geschichte einging. In der Folge wurde diese systematisch betrieben.

Joseph Goebbels, einer der engsten Vertrauten Hitlers, hatte dazu aufgerufen. Goebbels hatte die Anweisung zu den Pogromen als Spontanreaktion auf das Schussattentat auf NSDAP-Mitglied Ernst Eduard vom Rath durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan getarnt. Tatsächlich aber war dieses wohl nur ein willkommener Grund für die Pogrome. Diese waren von langer Hand geplant. Denn schon zuvor hatten etwa jüdische Geschäftsleute in Berlin weiße Zeichen auf ihre Schaufenster malen müssen - weil das die Zerstörung erleichterte.

Mit dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 an das nationalsozialistische Deutsche Reich waren 192.000 Juden zu den 350.000 Juden im Altreich hinzugekommen. Die Rüstungspolitik hatte die Gold- und Devisenreserven nahezu erschöpft. Die Enteignung, Verfolgung und Vernichtung der Juden versprach, diese wieder aufstocken zu können.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-08 18:10:12
Letzte Änderung am 2018-11-08 20:01:55



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