• vom 12.12.2018, 12:00 Uhr

Politik

Update: 12.12.2018, 12:39 Uhr

Pädagogik-Paket

Noten kommen zurück in die Volksschule




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Von WZ Online, APA

  • Die Regierung führt verpflichtende Noten und "Sitzenbleiben" in VS wieder ein. Experten sehen das kritisch.

Sebastian Kurz in einer Volksschule in Murfeld in Graz.

Sebastian Kurz in einer Volksschule in Murfeld in Graz.© APAweb / BUNDESKANZLERAMT, DRAGAN TATIC Sebastian Kurz in einer Volksschule in Murfeld in Graz.© APAweb / BUNDESKANZLERAMT, DRAGAN TATIC

Wien. Der Nationalrat beschließt am heutigen Mittwoch das Pädagogikpaket. Es bringt unter anderm verpflichtende Ziffernnoten an Volksschulen. Man mache Schluss mit "Versuchen und Herumdoktern", betonte Kanzler Sebastian Kurz nach dem Ministerrat. Die "linken bildungspolitischen Experimente der letzten Jahre" hätten das Schulsystem nicht weitergebracht, so Vizekanzler Heinz-Christian Strache.

An den Volksschulen werden ab 2019/20 ab dem zweiten Semester der 2. Klasse wieder verpflichtend Ziffernnoten eingeführt - gleichzeitig wird aber in allen Klassen zumindest zusätzlich alternativ mit Kompetenzrastern beurteilt. Außerdem können Schüler grundsätzlich ab der zweiten Klasse wieder sitzenbleiben. Außerdem werden alle Eltern zu Bewertungsgesprächen über Leistungsstärken und Leistungsstand eingeladen (bisher nur bei alternativer Beurteilung), bei Bedarf können Schüler auch zu Förderunterricht verpflichtet werden.

Die Reform sei ein "sehr notwendiger Schritt" in Richtung mehr individuelle Förderung, erklärte Kurz. In den vergangenen Jahren habe es im Bildungsbereich viele Veränderungen gegeben, die allerdings zu Verwirrung geführt hätten - das beende man nun. Schüler brauchten Bewertung, Leistung solle sich lohnen, stimmte Strache zu. Es sei ja auch wichtig, dass sich die Eltern orientieren können.

Bildungsexperte sieht Noten kritisch

Die Ziffernnoten würden nicht dazu führen, dass Eltern einen besseren Eindruck bekommen, wo ihr Kind steht, sagt Bildungsforscher Bernhard Hemetsberger von der Uni Wien. "Isolierte Bezeichnungen helfen niemandem wirklich weiter, außer dass vielleicht einmal das Geldtascherl der Oma aufgeht, wenn man einen Einser bekommt." Soll eine Leistungsbeurteilung sinnvoll sein, müssten Kinder und Eltern mit der Rückmeldung gemeinsam mit der Schule produktiv weiterarbeiten können.

Ziffernnoten sagen wenig über das Leistungsniveau und viel darüber aus, wie Schüler mit den Spielregeln und Verhaltensnormen von Schule zurechtkommen, sagt Hemetsberger. Alternative Beurteilungen seien als Rückmeldung für Schüler aussagekräftiger. Sie müssten jedoch auch für Eltern mit niedrigem Bildungsniveau verständlich sein, betonen NGOs.

Kinder mit anderen kulturellen Hintergründen und Erstsprachen haben laut Hemetsberger oft mehr Schwierigkeiten, sich an das soziale Setting Schule anzupassen, als Kinder aus sogenannten bildungsnahen Familien. "Das macht es politisch scheinbar relativ einfach, mittels Schulnoten diese Differenz zu markieren. Wenn man noch eines draufsetzt, indem man Sitzenbleiben kann oder Schüler ausschließen kann, kann man damit Politik betreiben", sagt der Wissenschafter mit dem Forschungsschwerpunkt Notengebung.

Auch die alternative Beurteilung hat Tücken 

Alternative Methoden der Leistungsbeurteilung sind allerdings nicht uneingeschränkt die bessere Methode. "Wenn Rückmeldungen in einer Art und Weise an Eltern herangetragen werden, die ihren Lebenszusammenhängen eher ferner stehen oder vielleicht auch schwierig zu verstehen sind, könnte ein gewisses Missverständnis oder sogar Unverständnis bedient werden", so Hemetsberger.

Auch eine neue Elterninitiative möchte den aktuellen Kurs der Bildungspolitik ändern. Die "Kinderköpfe" wurden Mitte November aus Frust das Pädagogikpaket der Regierung gegründet. Unter dem Titel "Nicht über die Köpfe unserer Kinder hinweg!" haben sie am Mittwoch vor dem Parlamentsausweichquartier am Heldenplatz demonstrieren. Die Initiative hat bisher rund 3.200 Unterschriften gesammelt.

"Entgegen wissenschaftlicher Evidenz"

Schon bei Einführung der Deutschklassen sei der Eindruck entstanden, dass die Pflichtschule in Österreich als "politisch-ideologische Spielwiese" missbraucht werde und wegen einiger möglicher Extremfälle österreichweit Kinder unter dem Vorwand des Erlernens der Unterrichtssprache ausgegrenzt würden, sagt Sprecherin Sabrina Dorn zur APA. Der Plan der Regierung, entgegen wissenschaftlicher Evidenz ab Ende der zweiten Klasse Volksschule Ziffernnoten und das für Kinder "absolut demotivierende" Sitzenbleiben wieder einzuführen, habe dann das Fass zum Überlaufen gebracht.





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Dokument erstellt am 2018-12-12 12:19:18
Letzte Änderung am 2018-12-12 12:39:59




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