• vom 20.05.2008, 17:14 Uhr

Politik

Update: 20.05.2008, 17:15 Uhr

Schlechte Resultate von Frauen beim Medizin-Aufnahmetest: Laut Studie ist "schulische Sozialisation" schuld

Mathe und Physik: Nichts für Frauen?




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  • Desinteresse für Naturwissenschaften durch Schule?
  • Hahn will Tests weiterentwickeln.
  • Mallinger: Medizin basiert eben auf Naturwissenschaft.
  • Wien. (kats/apa) Frauen - vor allem die österreichischen - schneiden bei den Aufnahmetests zum Medizin-Studium massiv schlechter ab, als ihre männlichen Kollegen. So weit, so bekannt. Warum das so ist, erklärt nun die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel in einer Studie. Demnach ist es vor allem die "schulische Sozialisation", die den Frauen bei naturwissenschaftlichen Fragen zu schaffen macht.

Für die Untersuchung wurden die Bewerber an den drei öffentlichen Medizin-Unis in Wien und Innsbruck (EMS-Tests) sowie Graz (Wissenstest) im Rahmen des Aufnahmetests am 6. Juli 2007 zu Schulnoten, Bildung der Eltern und Vorbereitung befragt. Die Angaben der Bewerber wurden dann mit ihren Testresultaten verglichen.


Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

* Elternhaus: Je besser die Bildung der Eltern war, desto besser schnitten die Bewerber bei den Tests ab.

* Schultyp: Bei Abgängern der verschiedenen Schultypen konnten keine Unterschiede festgestellt werden. Obwohl bei den Tests besonders auf die naturwissenschaftlichen Fähigkeiten Wert gelegt wurde, schnitten Absolventen von Schulen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt nicht besser ab als jene anderer Schulen.

* Nationalität: Wie bereits die Ergebnisse der Tests gezeigt haben, erreichten die deutschen Bewerber höhere Punktzahlen als die österreichischen. Bewerber aus Nicht-EU-Ländern wurden teils nur wegen der existierenden Quote (siehe Kasten unten) aufgenommen, obwohl ihre Testresultate oft sehr schlecht ausfielen.

* Geschlecht: Laut der Studie unterschätzen Mädchen schon in der Schulzeit ihre Leistungen in den Naturwissenschaften und Mathematik. Gute Leistungen in diesen Fächern führen sie, so die Autoren, auf Glück oder die Gunst der Lehrer zurück, schlechte aber auf mangelnde Begabung. Dadurch entstehe ein "negativer Kreisprozess" aus wenig Selbstvertrauen, das zu schlechten Leistungen führe und umgekehrt. Andererseits würden die Mädchen in der Schule in naturwissenschaftlichen Fächern generell weniger streng beurteilt als Burschen. Denn Männer schnitten beim EMS-Test trotz gleicher oder schlechterer Schulnoten besser ab.

Die Studienautoren empfehlen daher neben einer besseren Lehrerausbildung in Sachen Geschlechtergerechtigkeit, bei den Aufnahmetests stärker soziale Kompetenzen ("soft skills") abzufragen. Zudem müsse es eine bessere Vorbereitung auf die Tests geben.

Wissenschaftsminister Johannes Hahn sieht in der Analyse "Kritikpunkte von ziemlicher Schwere" und plädiert für eine "Weiterentwicklung" der Tests. Außerdem forderte er Unterrichtsministerin Claudia Schmied dazu auf, eine unterschiedliche Notengebung bei Mädchen und Burschen in der Schule zu unterbinden. Mit dieser Forderung geht Schmied "vollkommen d´accord", sie verwies aber auf eine bereits im Herbst 2007 eingesetzte Arbeitsgruppe zum Thema Gender-Sensibilisierung in Schulen.

Demgegenüber betonte der Vizerektor für Lehre der Medizin-Uni Wien, Rudolf Mallinger, dass "der Erfolg der Medizin auf Naturwissenschaften basiert". Daher sei es auch legitim, das im Studium gefragte naturwissenschaftliche Denken ins Zentrum des Auswahlverfahrens zu stellen. EMS-Entwickler Klaus-Dieter Hänsgen warnte davor, zur Verbesserung des Frauen-Anteils einfach nach Kompetenzen zu suchen, "wo Frauen besser sind und das dann in den Test aufzunehmen". Der Männerüberhang nivelliert sich nach dem ersten Studienjahr.

Änderungen beim EMS gibt es heuer nicht, für Hänsgen wären solche erst in drei Jahren möglich. In Graz werden die Fragen in Physik und Chemie, wo Frauen besonders schlecht waren, zugunsten der Biologie zurückgefahren.

Eine Adaption der Testverfahren fordert die Österreichische Hochschülerschaft, die Grünen setzen sich überhaupt für die Abschaffung der Tests ein.

Wissen: Aufnahmetests an den Medizin-Unis

Durch die geregelte Aufnahme der Medizinstudenten soll der Ansturm deutscher Numerus-Clausus-Flüchtlinge bekämpft werden. Dazu kam es 2005, als der Europäische Gerichtshof die österreichischen Beschränkungen für deutsche Studenten aufhob, da diese dem Gemeinschaftsrecht widersprachen.

Die Aufnahmeverfahren sind an den drei öffentlichen Medizin-Unis unterschiedlich geregelt: Während in Innsbruck und Wien der - auch in der Schweiz durchgeführte - Eignungstest für Medizin (EMS) verwendet wird, wurde in Graz ein eigener Wissenstest entwickelt. Bei letzterem werden die Bereiche Mathematik, Physik, Chemie, Biologie sowie das Textverständnis abgefragt. Beim EMS kommen Aufgaben etwa zum Zuordnen von Mustern dazu.

Neben dem Testergebnis ist die Quote ausschlaggebend für einen Studienplatz: 75 Prozent der Plätze sind Bewerbern mit österreichischem Maturazeugnis vorbehalten, 20 Prozent jenen aus dem EU-Raum und 5 Prozent Anwärtern aus Drittstaatenländern (weder EU noch EWR). Österreicher schneiden bei den Tests schlechter ab: Ohne Quotenregelung hätten sie 2006 in Wien und Innsbruck nur 46 Prozent der Studienplätze erhalten.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-05-20 17:14:51
Letzte Änderung am 2008-05-20 17:15:00


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Die Wandlung: Als Kandidatin für die Bundestagswahl 1994 und als Generalsekretärin 2018.



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