• vom 04.03.2011, 19:49 Uhr

Politik

Update: 04.03.2011, 22:27 Uhr

Werkstofftechnikerin Sabine Seidler wird die erste Rektorin der Technischen Universität Wien

"Es wird noch ein mühsamer Weg"




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Von Brigitte Pechar

  • Seidler: Es braucht Zeit, bis Frauen die Spitzen der Wissenschaft erobern.
  • Gesamtkonzept für den Unizugang notwendig.
  • "Wiener Zeitung": Der Uni-Rat der Technischen Universität (TU) Wien hat Sie am Freitag unter zehn Bewerbern einstimmig zur neuen Rektorin gewählt. Sie sind damit erst die dritte Frau an der Spitze einer staatlichen Universität in Österreich. Ist Ihre Wahl auch ein Zeichen dafür, dass im Vorfeld des 100. Internationalen Frauentages das weibliche Geschlecht auch in Österreich langsam die Spitze der Wissenschaft durchdringt?
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Seidler verwahrt sich dagegen, eine Quotenfrau zu sein: "Ich bin, was ich bin, weil ich gut bin." Foto: apa/Roland Schlager

Seidler verwahrt sich dagegen, eine Quotenfrau zu sein: "Ich bin, was ich bin, weil ich gut bin." Foto: apa/Roland Schlager

Sabine Seidler: Das ist ein Entwicklungsprozess, wir stehen erst am Anfang. Es werden mit der Zeit mehr Frauen in die obersten Etagen vordringen, aber das wird noch ein mühsamer Weg. Wir müssen jetzt darauf achten, dass die Basis verbreitert wird, dass also mehr Frauen an den Universitäten vertreten sind.

Seidler verwahrt sich dagegen, eine Quotenfrau zu sein: "Ich bin, was ich bin, weil ich gut bin." Foto: apa/Roland Schlager

Seidler verwahrt sich dagegen, eine Quotenfrau zu sein: "Ich bin, was ich bin, weil ich gut bin." Foto: apa/Roland Schlager Seidler verwahrt sich dagegen, eine Quotenfrau zu sein: "Ich bin, was ich bin, weil ich gut bin." Foto: apa/Roland Schlager


Die TU hat mehrere Programme, Mädchen für ein technisches Studium zu gewinnen. Werden Sie diese ausbauen?

Die TU ist jetzt schon sehr aktiv. Ob es zusätzliche Maßnahmen gibt, kann ich noch nicht sagen. Wichtig ist, dass wir die Frauen, die bei uns studieren, nicht verlieren. Denn die Studentinnen an der TU haben eine höhere Drop-out-Quote als ihre Kollegen. Wir wollen Studentinnen mit geeigneten Instrumenten wie Mentoring-Systemen und Netzwerken an der Uni halten. Wir analysieren derzeit, warum wir so viele Studentinnen verlieren.

Welche Pläne haben Sie mit der TU?

Ich verwirkliche meine Pläne schon seit drei Jahren als Vizerektorin. Mir ist die Positionierung der TU als Forschungsuniversität vor allem im internationalen Bereich sehr wichtig. Dort müssen wir über wissenschaftliche Persönlichkeiten Fuß fassen. Durch dieses Sichtbarmachen wird die TU wahrgenommen.

Wie beurteilen Sie den Wissenschaftsstandort Österreich?

Differenziert. Österreich hat große Stärken in der Grundlagenforschung, aber auch in der angewandten Forschung. Aber es ist nicht sinnvoll, den Wissenschaftsstandort über einen Kamm zu scheren. Dass Österreich als Wissenschaftsstandort Attraktivität besitzt, sieht man an den Berufungen.

Die Universitäten klagen über Budgetnöte. Sind Sie mit Ihrem Budget zufrieden?

Nein, selbstverständlich nicht. Wir werden zwar von der Politik dazu aufgefordert, uns im internationalen Wettbewerb zu positionieren, gleichzeitig verfügen aber Universitäten vergleichbarer Größe - wie die ETH Zürich - über das dreifache Budget. Das wäre meine Wunschgrößenordnung, aber ich weiß, dass das unrealistisch ist.

Die TU ist eine infrastrukturaufwendige Uni. Werden Sie ausreichend finanziert?

Das Budget der TU beträgt pro Jahr 200 Millionen Euro. Das erlaubt uns nur wenige Investitionen in die Infrastruktur. Und wie Sie richtig sagen, müssen wir mehr in Infrastruktur investieren als die Geisteswissenschaften. Eine Verdoppelung der Budgetmittel würde uns helfen.

Wie wichtig ist Drittmittelfinanzierung für Sie?

Wir sind auf Drittmittel angewiesen. Mit dem Globalbudget können Sie keinen Universitätsbetrieb aufrecht erhalten. Nur leider ist es auch so, das wir für jeden Euro, den wir über Drittmittelforschung akquirieren, einen Euro dazuzahlen müssen.

Die Politik arbeitet gerade an einer Lösung des Hochschulzugangs, wobei Studienplatzbewirtschaftung - damit einhergehend auch Studienplatzbeschränkung - ein großes Thema ist. Wäre das ein richtiger Weg?

Wir brauchen auf jeden Fall ein gesamtösterreichisches Konzept. Wir müssen wegkommen von Insellösungen. Die Politik müsste überlegen, wie viele Maschinenbauer, Mediziner oder Biologen das Land braucht und die Studien entsprechend finanzieren. Diese Zielgrößen muss der Staat definieren, das ist von den Unis nicht lösbar.

Sind Sie als Rektorin gewählt worden, weil Sie eine Frau sind?

Nein. Ich bin, was ich bin, weil ich gut bin.

Brauchen wir Quoten, um mehr Frauen in Spitzenpositionen zu bringen?

Ich bin gegen Quoten - aber ich weiß, dass wir sie brauchen.

Zur Person

Die Werkstofftechnikerin Sabine Seidler (49) hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Sie war die erste Professorin an der TU, wurde 2007 zur ersten Vizerektorin bestellt und reduzierte als solche die 32 Forschungsschwerpunkte der TU auf fünf. Am Freitag wurde Seidler vom Universitätsrat zur ersten Rektorin gewählt. Sie wird ihre vierjährige Amtsperiode im Oktober 2011 antreten und dem seit 1991 amtierenden Peter Skalicky nachfolgen.

Seidler ist gebürtige Deutsche (Sachsen-Anhalt) und hat heute die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie studierte an der Technischen Hochschule Merseburg Werkstoffwissenschaft. Nach der Promotion 1989 wechselte sie an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und arbeitete sieben Jahre lang am Institut für Werkstoffwissenschaft. Parallel dazu war sie als Gastwissenschafterin an der Ruhr-Universität Bochum tätig.

Im September 1996 wurde Seidler als Professorin für Nichtmetallische Werkstoffe an die Fakultät für Maschinenwesen und Betriebswissenschaften der TU Wien berufen. Ein halbes Jahr später habilitierte sie sich im Fachgebiet Werkstofftechnik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Struktur-Eigenschaftsbeziehungen in Kunststoffen, Kunststoffdiagnostik und Bruchmechanik.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-03-04 19:49:00
Letzte Änderung am 2011-03-04 22:27:00



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