• vom 18.05.2007, 16:56 Uhr

Politik

Update: 18.05.2007, 22:15 Uhr

ÖH-Wahlen: "Wiener Zeitung"-Streitgespräch zwischen den Spitzenkandidaten der beiden stärksten Fraktionen

High Noon vor der Studenten-Wahl




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Von Walter Hämmerle und Katharina Schmidt

  • Fanny Rasul von den Grünalternativen gegen Samir Al-Mobayyed von der Aktionsgemeinschaft.
  • Emotionaler Streit um Studiengebühren, Sozialdienst und Studenten-Pflichten.
  • "Wiener Zeitung": Die Studiengebühren stehen seit ihrer Einführung 2002 im Mittelpunkt der Hochschulpolitik. Warum dieser Widerstand der Studenten?

Fanny Rasul (Gras): Die finanzielle Lage der Unis hat sich durch die Studiengebühren nicht verbessert. Stattdessen werden viele vom Studium abgeschreckt. Die Regierung hat durch die Gebühren die Verantwortung für die Uni-Finanzierung auf die Studierenden abgewälzt. Und das Argument, dass dadurch weniger "Scheinstudenten" auf der Uni sind, zählt nicht: Es wäre mir viel lieber, wenn mehr Menschen nur zum Schein studierten, dann wären die Seminare nicht so überfüllt.


Samir Al-Mobayyed (AG): Die Gebühren haben keinen Fortschritt gebracht. Die Studenten verlieren weiterhin viel Zeit, weil sie aufgrund des Andrangs ihre Prüfungen und Übungen nicht planmäßig absolvieren können. Auch die AG war immer schon gegen die Studiengebühren - der Unterschied zu Grün-Rot ist nur: Wir sind nicht in der Exekutive.

Rasul: Dennoch ist der Vorwurf, dass es die AG mit dem Wunsch nach Abschaffung der Studiengebühren nicht ernst meint, berechtigt: Der Cartellverband, der der AG nahe steht, hat sich unlängst erst wieder gegen eine Abschaffung ausgesprochen. . .

Al-Mobayyed: AG und Cartellverband sind zwei völlig getrennte Organisationen. Wir sind für die Abschaffung der Gebühren.

Rasul: Ersatzlos?

Al-Mobayyed: Ersatzlos!

Nun gibt es ja in Form des Sozialdienstmodells, das Mentoren und Tutoren von den Gebühren befreit, bald eine Alternative. Gras und VSStÖ sind aber dagegen.

Rasul: Wir wollen nicht Vollstrecker dieses absurden Modells sein. Studierende werden hier auf Migrantenkinder mit Lernproblemen losgelassen - das ist absurd. Nur die Gesamtschule kann Integrationsprobleme lösen. Der Kollektivvertrag wurde außer Kraft gesetzt, damit man auf sechs Euro Stundenlohn kommt. Das lehnen wir ab.

Al-Mobayyed: Auch für die AG ist dieses Modell ein Rohrkrepierer, der nur zustande gekommen ist, um den Umfaller der SPÖ bei den Studiengebühren wettzumachen. Von der ÖH-Exekutive hätte ich mir aber schon erwartet, dass sie sagt: "Das Modell ist zwar schlecht, aber wir versuchen, Verbesserungen herauszuholen." Immerhin hatte sie das Papier zu diesem Modell bereits seit zwei Wochen in Händen.

Rasul: Dieses Papier war von Anfang an nicht mehr veränderbar, wir haben es zwar bekommen, durften es aber nicht herausgeben.

Al-Mobayyed: Ihr habt es aber nicht einmal versucht - und das ist verantwortungslos. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihr nur Oppositionspolitik macht. Ihr habt keine eigenen Ideen und keine eigenen Forderungen. Was habt ihr schon in den vergangenen Jahren umgesetzt?

Rasul: Wir machen Studienberatung und bieten Rechtsbeistand bei Problemen an. Und wir haben die Stipendienerhöhung erreicht. Ich frage mich, warum ihr nie zu den Treffen der Sozialreferate kommt, wenn ihr so tolle Vorschläge habt. Wir haben immer geschaut, dass wir offen sind.

Al-Mobayyed: Ihr habt uns von vornherein als Koalitionspartner ausgeschlossen und auch nie zu diesen Treffen eingeladen.

Wenn man Studentenpolitikern zuhört, könnte man glauben, Studenten gehören zu den am stärksten benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft.

Rasul: Natürlich gibt es viele Gruppen, die stärker benachteiligt sind. Trotzdem ist das Bild, das in diesem Land von den Studenten gezeichnet wird, furchtbar: Zum Beispiel von Kanzler Gusenbauer mit dem "Bummelstudenten"-Sager.

Al-Mobayyed: Was die öffentlichen Verkehrsmittel betrifft, sind die Studenten gegenüber den Pensionisten klar benachteiligt. In Wien zahlen wir für die Öffis 342 Euro im Jahr mehr als Pensionisten.

Aber ist ein finanzieller Beitrag für das Studium nicht gerecht - immerhin liegt ihre Lebensverdienstsumme weit über dem Durchschnitt?

Rasul: Nach Absolvierung des Studiums wäre ein finanzieller Beitrag sicherlich gerecht, indem man etwa Einkommen und Vermögen höher besteuert.

Von Seiten der Wirtschaft hört man immer wieder Klagen über die mangelnde Leistungsbereitschaft und Mobilität heimischer Studenten im Vergleich zu ihren Kollegen aus den Reformstaaten.

Rasul: Dass dieser Vorwurf aus der Wirtschaft kommt, überrascht mich. Die Debatte über die Mindeststudiendauer läuft darauf hinaus, Fachidioten heranzubilden. Eher sollte man die prinzipielle Frage beantworten: Was braucht eine Gesellschaft? Welche Aufgaben hat Bildung? Hier geht es um Emanzipation und Aufklärung, nicht nur um Leistung.

Al-Mobayyed: Einen gesunden Leistungsgedanken finden wir sehr wichtig. Die Unis müssen Leistung fördern und Qualität bieten. Wir zahlen Gebühren, also haben wir auch das Recht, Qualität einzufordern.

Rasul: Genau diesen Zugang kritisieren wir, weil dann haben die Studierenden einen Kundenstatus.

Al-Mobayyed: Darum geht es.

Rasul: Nein, es geht darum, dass die Bildungsausgaben erhöht, die Betreuungsverhältnisse verbessert werden. Auf der Politikwissenschaft gibt es 800 neue Studierende im Semester. . .

Wie viele Politologen braucht denn eine Gesellschaft?

Rasul: Nie zu wenige! Ich sehe dieses Studium nicht so eng, sondern als Ausgangspunkt für die Arbeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Aber hier wird die zunehmende Verschulung der Studien zum Problem. Die Studienwahl sollte aber nicht aufgrund wirtschaftlicher Kriterien getroffen werden. Den Studienzugang zu beschränken, kann keine Lösung sein.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-05-18 16:56:07
Letzte Änderung am 2007-05-18 22:15:00


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