• vom 14.01.2011, 18:45 Uhr

Politik

Update: 14.01.2011, 18:49 Uhr

Kreiskys Schuldenpolitik: Der Ölpreisschock von 1973 war dafür mehr verantwortlich als der Kanzler selbst

Austro-Keynesianer wider Willen




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Von Hermann Sileitsch

  • Wirtschaftskurs der Kreisky-Ära war stark von Androsch und Koren geprägt.
  • Drei Kernelemente: Expansive Politik, stabile Währung, starke Sozialpartner.
  • Wien. Der Sonnenkönig, ein Schuldenkaiser: Keine andere Kanzlerschaft ist im öffentlichen Bewusstsein so einseitig verankert wie der Zeitraum 1970 bis 1983, die Ära Bruno Kreiskys. Schuld ist daran ein legendäres Zitat: jene "paar Milliarden (Schilling) Schulden" mehr, die dem Kanzler weniger schlaflose Nächte bereiten würden "als ein paar hunderttausend Arbeitslose".

Kanzler und damaliger Kronprinz: Bruno Kreisky (r.) und Hannes Androsch im Jahr 1980. Foto: "Wiener Zeitung"-Archiv/Votava

Kanzler und damaliger Kronprinz: Bruno Kreisky (r.) und Hannes Androsch im Jahr 1980. Foto: "Wiener Zeitung"-Archiv/Votava

Die Ära sei erst nachträglich mit dem Begriff "Austro-Keynesianismus" verbrämt worden, sagt der Ökonom Werner Clement, ehemals Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, zur "Wiener Zeitung". Für die expansive Politik (das Schuldenmachen) sei weniger Kreiskys Wirtschaftsagenda verantwortlich gewesen als vielmehr der Ölpreisschock von 1973.

1400 Experten der SPÖ


"Kreisky stand dem Ökonomischen inhaltlich nicht besonders nahe, hat es aber politisch sehr effizient eingesetzt", so Clement. Dem in der Bevölkerung geachteten "Koren-Plan" - Stephan Koren war 1968 bis 1970 ÖVP-Finanzminister - setzte er "1400 Experten" für das Wirtschaftskonzept der SPÖ entgegen. "In Wirklichkeit waren es natürlich viel weniger."

Dennoch konnte Kreisky so Wirtschaftskompetenz der SPÖ signalisieren. Anfangs sei eher Ernst Eugen Veselsky prägend gewesen, erst ab 1969 kristallisierte sich der Aufstieg eines Newcomers heraus: Hannes Androsch sollte bekanntlich eine Zeit lang Kreiskys Kronprinz und Finanzminister werden (Veselsky war 1970 bis 1977 Staatssekretär im Kanzleramt).

Wurde unter Androsch-Kreisky Beschäftigung um jeden Preis gesucht, auf Kosten der Staatsschulden? Zunächst gingen diese (siehe Grafik) von 1970 bis 1974 sogar zurück: ein Erbe der Ära Koren. Wie Androsch selbst einräumt, übernahm er von seinem Vorgänger einen soliden Haushalt und konnte sich höhere Staatsausgaben leisten: Ironischerweise habe just die Sanierung des Budgets mit unpopulären Abgaben (auf Zigaretten und Autos) die ÖVP die Wahl 1970 gekostet, so Clement, der zu Beginn seiner Karriere Korens Assistent im Finanzministerium war. Danach ging es rasant bergauf mit der Verschuldung. Zwischen 1970 und 1983 erhöhten sich die Staatsschulden von umgerechnet 3,4 auf 30,2 Milliarden Euro - allerdings waren das noch weniger als 40 Prozent des BIP und nach heutigen Maßstäben geringe Beträge.

Die Verschuldung war vor allem dem Einbruch der Wirtschaft geschuldet: Das Abflauen der Hochkonjunktur machte der SPÖ-Regierung ab 1974 zu schaffen. 1975, 1978 und 1981 schrumpfte die reale Wirtschaftsleistung. Die Arbeitslosigkeit konnte (siehe Grafik) tatsächlich niedrig gehalten werden. Erst gegen Ende der Kreisky-Jahre stieg sie an - und sollte seither nicht sinken.

Im internationalen Vergleich steht Österreich aber damals wie heute gut da. Den Grund sieht Clement neben einer ausgewogenen Wirtschaftsstruktur vor allem in der erfolgreichen Lehrlingsausbildung - die damals hart umkämpft gewesen sei. So habe sich die Wirtschaftskammer lange gegen staatliche Lehrwerkstätten gesträubt.

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Dokument erstellt am 2011-01-14 18:45:00
Letzte Änderung am 2011-01-14 18:49:00



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