• vom 08.07.2004, 00:00 Uhr

Politik

Update: 30.03.2005, 13:04 Uhr

Dr. Thomas Klestil 1932-2004

Erdberger in der Hofburg




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Von Georg Friesenbichler

Bundespräsident Thomas Klestil ist tot. Es war ihm nicht mehr vergönnt, sich in seinem Ruhestand von den Strapazen seiner 12-jährigen Amtstätigkeit zu erholen, die ihn auch gesundheitlich schwer in Mitleidenschaft gezogen haben.


Der am 3. November 1932 in Wien-Erdberg als Sohn eines Straßenbahners geborene Klestil hatte nach absolviertem Studium der Handelswissenschaft eine diplomatische Karriere eingeschlagen. 1966 wurde Klestil vom damaligen Bundeskanzler Josef Klaus in sein Kabinett berufen. Danach lag sein Schwerpunkt in den USA: Von 1969 bis 1974 war er österreichischer Generalkonsul in Los Angeles, 1978 wurde er Botschafter bei der UNO in New York, 1982 österreichischer Botschafter in Washington. 1987 kehrte er als Generalsekretär des Außenministeriums in die Heimat zurück.

1992 stellte ihn der damalige ÖVP-Obmann Erhard Busek für die Bundespräsidentschaftswahl auf. Mit dem Slogan "Macht braucht Kontrolle" trat Klestil gegen den favorisierten SPÖ-Politiker Rudolf Streicher an, der allerdings etwas bedächtiger wirkte als der Diplomat. Klestil hingegen versprach auch in seinem Auftreten, ein aktiver Bundespräsident zu werden. Im zweiten Wahlgang erhielt Klestil denn auch knapp 57 Prozent der Stimmen, und bei seiner Wiederwahl im Jahr 1998 gab es gleich im ersten Wahlgang 63,5 Prozent. SPÖ und FPÖ hatten freilich keinen eigenen Kandidaten aufgestellt.

Der Bundespräsident hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon die ersten Rückschläge einstecken müssen. Schon 1994 hatte Klestil die Trennung von seiner Frau Edith, mit der zusammen er noch einträchtig den Wahlkampf bestritten hatte, bekannt gegeben. Die Scheidung und die neue Heirat mit Margot Löffler erfolgte allerdings erst 1998 nach seiner erfolgreichen Wiederwahl.

Im Jahr 1996 zeigten sich dann erstmals die gesundheitlichen Probleme, deren Spätwirkungen ihn schließlich das Leben kosten sollten. Im September erkrankte er an einer atypischen Lungenentzündung, musste im AKH in künstlichen Tiefschlag versetzt, nach seiner Entlassung wegen einer Lungenembolie erneut eingeliefert werden. Erst im Jänner 1997 konnte er wieder seine Amtsgeschäfte voll aufnehmen, der angeschlagene Gesundheitszustand machte sich aber immer wieder bemerkbar, auch während seiner zahlreichen Auslandsreisen.

Auf innenpolitischer Ebene musste Klestil bald zur Kenntnis nehmen, dass sein Wunsch nach einer dynamischen Gestaltung seines Amtes auf wenig Gegenliebe stieß. 1994 widersprach der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky Klestils Begehren, die Beitrittsurkunde zur EU mit zu unterschrieben. Gestritten wurde ebenso darüber, ob Klestil oder Vranitzky Österreich im Rat der Staats- und Regierungschefs vertreten sollte. Gleichfalls in Konflikt zur SPÖ brachte sich der Präsident, als er statt dem Erstgereihten des Nationalrates die drittgereihte Juristin Lisbeth Lass zum Ersatzmitglied des Verfassungsgerichtshofes ernannte. Kurze Zeit später nahm ihm das Parlament auch diesen bescheidenen Entscheidungsspielraum.

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Dokument erstellt am 2004-07-08 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-30 13:04:00



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