• vom 30.07.1999, 00:00 Uhr

Politik

Update: 07.04.2005, 12:07 Uhr

Ehemaliger Generaldirektor des Staatsarchives verstorben

Neck hat Zeitgeschichte salonfähig gemacht




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Von Isabella Ackerl

  • Am 21. Juli 1999 verstarb im Alter von 78 Jahren nach langem schweren Leiden der ehemalige Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs Dr. Rudolf Neck. Der 1921 geborene Historiker und
  • Archivar war zutiefst von Zwischenkriegszeit und Kriegserlebnissen geprägt. Sein politisches Weltbild, seine historischen Forschungen galten zum überwiegenden Teil der Zeitgeschichte, jener
  • Geschichte, die er selbst erlebte und erlitt.

Nach dem Studium der Geschichte und Absolvierung des Institutes für Österreichische Geschichtsforschung trat Rudolf Neck 1949 in den Dienst des Österreichischen Staatsarchives. Waren seine frühen


Forschungsarbeiten noch der österreichischen Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts gewidmet, trat ab Beginn der fünfziger Jahre die Zeitgeschichte immer mehr in den Vordergrund. 1953

veröffentlichte Rudolf Neck in den Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs jene legendäre erste Rezension zeitgeschichtlicher Literatur zu Österreich, mit der er ein Fachgebiet für die

österreichische Geschichtswissenschaft salonfähig machte. Rudolf Neck und der damals junge Dozent für österreichische Geschichte Ludwig Jedlicka begründeten vielfach zusammenwirkend das Fach im

universitären Bereich.

Bereits in der Ära von Bundeskanzler Josef Klaus erfolgte ein etwas erleichterter Zugang zu einschlägigen historischen Quellen in österreichischen Archiven. Der Bann gebrochen wurde allerdings mit

der 1971 ins Leben gerufenen Wissenschaftlichen Kommission zur Erforschung der Geschichte der Republik Österreich, die dank lebhafter Unterstützung der beiden österreichischen Großparteien SPÖ und

ÖVP, vertreten durch Bruno Kreisky und Alfred Maleta, eine intensive Forschungs- und Publikationstätigkeit aufnehmen konnte. Die meisten der heute etablierten Universitätsprofessoren haben als junge

Historiker in der Wissenschaftlichen Kommission wesentliche Beiträge zur Erforschung der österreichischen Zeitgeschichte geleistet.

In dieser fast zwanzig Jahre wirkenden Institution trug Rudolf Neck anfangs mit Ludwig Jedlicka und nach dessen frühem Tod mit Adam Wandruszka für die Publikation von etwa 30 Bänden an

Forschungsergebnissen die Verantwortung. Die Palette reichte von Sammelbänden mit Tagungsergebnissen über Monographien zu Einzelthemen bis zu so wichtigen Akteneditionen wie den Protokollen des

Ministerrates der Ersten Republik.

Ein zweites, ebenso wichtiges Forschungsgremium verdankt Rudolf Neck sein Entstehen. Die Internationalen Tagungen der Historiker der Arbeiterbewegung. Bei den "Linzer Konferenzen" versammelten sich

nicht nur Fachexperten aus Westeuropa, sondern auch Historiker der Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Es wird noch zu erforschen sein, wie wichtig dieser wissenschaftliche Dialog für den Weg zur

Wende war.

Im Rahmen des Östereichischen Staatsarchives machte Rudolf Neck eine schöne Karriere, die ihn über die Leitung der Abteilung Allgemeines Verwaltungsarchiv zur Generaldirektion des Hauses führte. In

der Zeit seiner Amtsführung erfolgten wesentliche Weichenstellungen für die Modernisierung des Archivwesens. Seinen mühevollen und vielfach unbedankten Anstrengungen ist der Neubau eines zentralen

Staatsarchivgebäudes in Wien-Erdberg zu danken. Dem Ansehen Österreichs diente der Abschluß der Archivverhandlungen mit den jugoslawischen Teilrepubliken, die sich fast sechs Jahrzehnte nach dem

Staatsvertrag von St. Germain 1919 dahingeschleppt hatten. Es mag eine Tragik der Geschichte sein, daß viele der ausgelieferten kostbaren Archivalien den Kriegswirren der neunziger Jahre zum Opfer

fielen.

Wer in Rudolf Neck einen nur der Geschichte hingegebenen verträumten Archivar im Spitzwegischen Sinne suchte, wird mehrfach enttäuscht worden sein. Ein lebensfroher, vielfachst wissenschaftlich

interessierter Allrounder, der von der Pilzkunde, über die Finessen des Schachspiels bis zur Astronomie und zum heiteren Verseschmieden kein Wissensgebiet von sich wies. Ihm war historisches

Spezialistentum fremd, die Geschichte in all ihrer Vielfalt seine Heimat.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1999-07-30 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-07 12:07:00


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