• vom 29.11.2011, 18:16 Uhr

Politik


"Stümperhafte Ermittlungsfehler" wirft die FPÖ der Staatsanwaltschaft im Fall Kampusch vor

Der unheimliche Fall Kampusch




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  • FPÖ attackiert Justiz, ÖVP dementiert, SPÖ pocht auf seriöse Überprüfung.

Wien.

Rätsel ranken sich um Natascha Kampusch. Sogar Indizien für die Geburt eines Kindes soll es geben. epa

Rätsel ranken sich um Natascha Kampusch. Sogar Indizien für die Geburt eines Kindes soll es geben. epa© EPA Rätsel ranken sich um Natascha Kampusch. Sogar Indizien für die Geburt eines Kindes soll es geben. epa© EPA

Der Fall Kampusch und kein Ende. Nach den beiden angesehenen Justiz-Experten Ludwig Adamovich und Johann Rzeszut fordert nun auch die Opposition lautstark Antworten auf die zahllosen offenen Fragen rund um die Entführung Natascha Kampuschs ein. Am Dienstag preschte FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache vor und sprach von einem "Justizskandal", heute, Mittwoch, ziehen die Grünen mit einer Pressekonferenz zu dem Thema nach. Strache fordert eine Wiederaufnahme des Verfahrens sowie eine Sondersitzung im Parlament.


Säuglingspflegebuch und Baby-Haarlocke im Verlies
Für Strache ist es sogar wahrscheinlich, dass Kampusch im Verlies im Haus ihres Entführers ein Kind zur Welt gebracht haben könnte. Für Strache sind die fünf Staatsanwälte trotz Einstellung des Verfahrens "unfähige Dilettanten", denen "Seilschaften" wichtiger seien als "Mut zur Aufklärung". Gemeinsam mit der FP-Abgeordneten Dagmar Berlakowitsch-Jenewein ging er bezüglich einzelner Ermittlungsschritte ins Detail. So halten sie die Einzeltäter-Theorie für grundfalsch. Diesbezüglichen Aussagen einer "glaubwürdigen Tatzeugin", eines zwölfjährigen Mädchens, das zwei Männer im Entführungsauto gesehen haben will, habe man wenig bis keine Beachtung geschenkt. Brisant sei auch, dass in Kampuschs Verlies in Strasshof ein Säuglingspflegebuch sowie eine Haarlocke, in Zellophan eingewickelt, gefunden wurden. "Was ist mit diesem Kind? Wenn es lebt, dann stellt sich die Frage: bei wem?", fragt Belakowitsch-Jenewein. Zudem hätten im Garten des Entführers auch Leichenhunde angeschlagen.

Schließlich erinnert Strache an den Chefermittler im Fall Kampusch. Der im Juni 2010 freiwillig aus dem Leben geschiedene Kriminalist soll kurz vor der Klärung des Falles gestanden sein und diesen "von den Dimensionen und Verstrickungen her mit dem Fall Lucona" verglichen haben. Ungeklärt ist für die FPÖ weiters die Verstrickung des Vorsitzenden der Offiziersgesellschaft, der Kontakt zu einem Freund Priklopils gehabt haben soll, über dem der Verdacht der Mittäterschaft schwebt.

SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim unterstützt zwar eine seriöse Untersuchung des Falls Kampusch im Rahmen des parlamentarischen Unterausschusses des Innenausschusses (Stapo-Ausschuss) - den FPÖ-Forderungen erteilt er allerdings eine Absage. Der Vorsitzende des Stapo-Ausschusses, Werner Amon (ÖVP), weist sämtliche Vorwürfe gegen Justizministerin Beatrix Karl zurück: Nachdem die Staatsanwaltschaft die gegen sie selbst erhobenen Vorwürfe des Amtsmissbrauchs nicht erhärten konnte, habe Karl die Prüfungsunterlagen dem Rechtsschutzbeauftragten übergeben und sich für eine weitere parlamentarische Behandlung ausgesprochen.

Erst in der Vorwoche wurde das Verfahren gegen den Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien, Werner Pleischl, den einstigen Kampusch-"Sonderermittler" Thomas Mühlbacher (heute Chef der Staatsanwaltschaft Graz) und drei weitere Staatsanwälte eingestellt. Ihnen war Amtsmissbrauch rund um die Fahndung zur Kindesentführung und Gefangenschaft von Natascha Kampusch, die 1998 entführt wurde und vor fünf Jahren fliehen konnte, vorgeworfen worden. Sie sollen wesentliche Ergebnisse der Polizeiarbeit ignoriert und sich frühzeitig auf Wolfgang Priklopil als Einzeltäter festgelegt haben. Sollte sich nun bei der Überprüfung durch den unabhängigen und weisungsfreien Rechtsschutzbeauftragten herausstellen, dass nicht alles unternommen wurde, um den Verdacht in Richtung möglicher Mittäter aufzuklären, soll der Fall laut Karl neu aufgerollt werden.

SPÖ und ÖVP mahnen Respekt für Opferschutz ein
Im Fall Kampusch sei zwar "alles ernst zu nehmen, was an Verdachtsmomenten und neuen Fakten an die Öffentlichkeit gelangt", meint Amon dazu. Bei aller Notwendigkeit der Aufklärung müsse aber angesichts der Sensibilität der Akten der Opferschutz sehr hoch gehalten werden.

"Frau Kampusch wieder an die Öffentlichkeit zu zerren und zu versuchen, auf ihrem Rücken politisches Kleingeld zu wechseln" gilt es auch in den Augen Jarolims zu verhindern. "Hier will sich offenbar die FPÖ in den Mittelpunkt des medialen Interesses stellen, statt an einer seriösen Überprüfung mitzuwirken", kommentiert er die Aussagen Straches. An den "geschmacklosen Attacken" Straches will sich auch Peter Pilz von den Grünen nicht beteiligen. Die Rolle der Staatsanwaltschaft hält allerdings auch er für "äußerst dubios".



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Dokument erstellt am 2011-11-29 18:20:09



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