• vom 01.08.2013, 19:50 Uhr

Politik

Update: 02.08.2013, 12:36 Uhr

Landwirtschaft

Klima zwingt Landwirtschaft zum Wandel




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Von Alexander Dworzak und Sophia Freynschlag

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  • Bis zu 100.000 heimische Betriebe könnten von Dürre betroffen sein.

Der trockenste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1858 macht Österreichs Bauern zu schaffen. - © apa/techt

Der trockenste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1858 macht Österreichs Bauern zu schaffen. © apa/techt

Wien/Brüssel. Sechs Millimeter. So wenig Niederschlag hat die Wetterstation im niederösterreichischen Gänserndorf im Juli registriert - alleine die Verdunstungsrate an einem einzigen heißen Tag beträgt zwischen sechs und acht Millimeter. Während Sonnenanbeter und Wasserratten in diesem Sommer voll auf ihre Kosten kommen, kämpfen Österreichs Landwirte ob der Hitze mit Ernteausfällen, Gräser vertrocknen, Mais verbrennt.


Der trockenste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1858 ruft nun auch die Politik auf den Plan. Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich präsentierte am Donnerstag ein vier Punkte umfassendes Programm für die Bauern - das nicht frei von alarmistischen Formulierungen ist: Als "Hilfspaket" tituliert der ÖVP-Ressortchef die Maßnahmen. An erster Stelle steht eine Ankaufaktion für Futtermittel. Davon sollen Tierhaltungsbetriebe profitieren, "weil sie zu wenig Futter haben, um ihre Tiere zu füttern", so das Ministerium. Aus Bundes- und Landesmitteln erhalten Bauern Beihilfen für den Zukauf von Heu, Silage, Stroh, Pellets oder Trocken- und Pressschnitte. Diese seien durch einen Katastrophenfonds gedeckt. Konkrete Zahlen bleibt man aber schuldig - man müsse noch abwarten, "bis die Zahlen auf dem Tisch sind", sagte ein Sprecher von Berlakovich. Damit ist vorläufig auch offen, wie viele Bauern Probleme bekommen, ihre Agrarinvestitionskredite zu bedienen.



Bei der Hagelversicherung gehen laufend Schadensmeldungen ein - betroffen sind derzeit vor allem Mais, Sojabohnen, Kürbis und Kartoffel. Die Sommer-Getreideernte ist großteils bereits eingebracht, die Trockenheit hat sich hier kaum mehr ausgewirkt. 85 Prozent der österreichischen Agrarflächen sind gegen Hagel versichert, der Großteil davon auch gegen Dürre. Die Hagelversicherung geht von einer "Jahrhundert-Dürre" aus - das gesamte Schadensausmaß ließe sich aber noch nicht abschätzen. In Salzburg sind derzeit rund 15.000 Hektar Futterfläche durch die intensive Sonneneinstrahlung vertrocknet. "Besonders schlimm ist die Situation im Pinzgauer Saalachtal, dort wurden bei der jüngsten Hochwasserkatastrophe große Teile der landwirtschaftlichen Flächen verwüstet, und jetzt zerstört die Dürre den Rest der Ernte", sagt Agrar-Landesrat Josef Schwaiger.

Fehlendes Futtermittel
"Den Rinderbauern fehlt aufgrund der langen Trockenheit der Ertrag am Grünland", sagt Wolf Reheis, Pflanzenbau-Experte in der Landwirtschaftskammer Burgenland. Fehlt das Futter, müssen die Landwirte Futtermittel zukaufen - da dies derzeit kaum in der Region möglich ist, könnten Nachbarländer wie Ungarn mit Mais aushelfen. Bevor der Körnermais, der für die Energiegewinnung oder Lebensmittelproduktion verwendet wird, am Feld vertrocknet, verwenden ihn die Landwirte zurzeit zunehmend als Futtermittel. Fehlt das Futter, müssten Tiere geschlachtet und verkauft werden, so Reheis.

Die vom Landwirtschaftsministerium kolportierten "Notschlachtungen" aufgrund des Futtermangels sieht man bei Greenpeace skeptisch: "In manchen Gebieten, darunter im Osten und Westen der Steiermark, ist Grünfutter zwar knapp. Das Problem betrifft aber vor allem Rinderbauern, die das - nun verbrannte - Gras eigentlich zeitnah verfüttern müssen. Bei Schweinen spielt die Dürre dagegen keine große Rolle, sie können mit den Lagerbeständen von Mais gefüttert werden", erklärt Herwig Schuster, Sprecher der Umweltorganisation, gegenüber der "Wiener Zeitung".

Als zweite Maßnahme des Umweltministeriums werden eigentlich geschützte Blühstreifen und Biodiversitätsfläche für die Futtermittelproduktion freigegeben, ein entsprechender Antrag wurde bei der EU-Kommission eingereicht. Beim ÖVP-Bauernbund stößt diese Vorgangsweise auf ungeteilte Zustimmung. Dass mehr Futtermittel in Europa produziert wird, befürwortet zwar auch Greenpeace: "Somit wird der Druck auf Südamerika, weitere Gebiete des Regenwaldes abzuholzen, verringert", sagt Schuster. Auf der anderen Seite bewege man sich mit der Nutzung von Blühstreifen und Biodiversitätsflächen in einer "rechtlichen Grauzone".

Bis zu 100.000 landwirtschaftliche Betriebe könnten von der Dürre betroffen sein, schätzt ein Agrarexperte gegenüber der "Wiener Zeitung". Daher hat das Landwirtschaftsministerium angekündigt, als dritte Hilfsmaßnahme für dürregeschädigte Landwirte die Raten dieser von der öffentlichen Hand geförderten Kredite auszusetzen. Die Raten - pro Jahr sind es zwei Tranchen - sollen demnach gestundet und erst im kommenden Jahr fällig werden. Die Laufzeit des Agrarinvestitionskredits (zehn bis zwanzig Jahre) verlängert sich in diesem Fall um ein Jahr. So soll verhindert werden, dass Betriebe pleitegehen. Genaue Zahlen gibt es vorerst jedoch weder beim Landwirtschaftsministerium noch bei der Hagelversicherung. Ursprünglich war für heuer ein Kreditvolumen von 130 Millionen Euro zugesagt. Und zusätzliche Betriebsmittelkredite werden als vierte Maßnahme den Landwirten gewährt.

Massive Ernteausfälle drohen bei Mais in Österreich.

Massive Ernteausfälle drohen bei Mais in Österreich.© apa Massive Ernteausfälle drohen bei Mais in Österreich.© apa

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Dokument erstellt am 2013-08-01 19:53:08
Letzte Änderung am 2013-08-02 12:36:17



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