• vom 19.01.2014, 14:43 Uhr

Politik

Update: 19.01.2014, 14:46 Uhr

Diskussion

Könnte die EU zerfallen wie die Donaumonarchie?




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  • Habsburg-Urenkel schließt EU-Integration der Türkei nicht aus.

"Bonjourl" Kaiser Franz Josephs: Der Habsburger hätte tun sollen, was
die Habsburger in entscheidenden Momenten immer taten: nichts.

"Bonjourl" Kaiser Franz Josephs: Der Habsburger hätte tun sollen, was
die Habsburger in entscheidenden Momenten immer taten: nichts.
© Auktionshaus Hermann Historica, München "Bonjourl" Kaiser Franz Josephs: Der Habsburger hätte tun sollen, was
die Habsburger in entscheidenden Momenten immer taten: nichts.
© Auktionshaus Hermann Historica, München

Wien. Die EU könnte nach Ansicht des Historikers Manfried Rauchensteiner ein ähnliches Schicksal erleiden wie die Donaumonarchie. Die Teilung der Eurozone in eine Nord- und Südgruppe könnte den Zerfall der EU einleiten, sagte Rauchensteiner am Sonntag bei einer Podiumsdiskussion zum Ersten Weltkrieg im Wiener Burgtheater. Kaiser-Nachfahre Eduard Habsburg schloss eine EU-Zukunft der Türkei nicht aus.

Der US-Historiker Timothy Snyder betonte, dass die Monarchie nicht wegen ihres multinationalen Charakters zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Sie hätte das Jahr 1914 "noch um Jahre oder Jahrzehnte überleben" können. Der Fehler im Jahr 1914 sei gewesen, dass die Habsburger nicht jener Erfolgsstrategie treu geblieben seien, die sie sechs Jahrhunderte lang an der Macht gehalten habe. "Der Schlüssel für das Überleben der Habsburger war, dass sie in kritischen Momenten nichts taten", sagte Snyder. Sie hätten wohl überlebt, wenn sie nach dem Attentat von Sarajevo tatenlos geblieben und Serbien nicht den Krieg erklärt hätten.


Rauchensteiner zeichnete ein weniger positives Bild der Monarchie. "Von außen schaut manches ein bisschen besser als von innen aus", sagte er an seinen US-Kollegen gerichtet. Tatsächlich sei die Monarchie nach dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahr 1867 "fast unregierbar geworden", weil die Staatsstrukturen in Wien und Budapest dupliziert worden seien. Ähnliches drohe der EU, wenn man sie angesichts der wirtschaftlichen Unterschiede "in eine Nord- und Südgruppe zerfallen" lässt. "Da hätten wir dann Österreich-Ungarn." Mit dem Blick auf den österreichisch-ungarischen Ausgleich sei "evident, dass das dann den Zerfall einleitet", warnte Rauchensteiner.

Der Ur-Ur-Urenkel von Kaiser Franz Joseph, Eduard Habsburg, beklagte, dass die europäischen Staaten "immer noch am alten Sauerteig" des Nationalismus kauen würden. "Die alten Klischees sind da." Die Antwort auf die Nationalismen sei das europäische Projekt. "Jede Stunde mühsamer Kompromisse in Brüssel hindert einen daran, Konflikte anders auszutragen", betonte er. Kein Nein kam von Habsburg zu einem EU-Beitritt der Türkei. "Wir sind mitten in einer Diskussion. Ich wüsste nicht, wo ich meine Grenze von Europa im Moment ziehen würde", betonte der informelle Sprecher des Hauses Habsburg.

Die serbische Schriftstellerin Biljana Srbljanovic beklagte, dass "wir uns immer noch nicht von dem Konzept der Nation emanzipiert" hätten. Zwar würden die EU-Staaten zusammenarbeiten, doch seien sie immer noch vom Nationalismus geprägt. Daher habe auch das heutige Europa noch eine Stacheldrahtgrenze wie in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, "nur verläuft sie etwas weiter südlich". Diese Grenzen werde man erst überwinden können, wenn die Bewohner des Kontinents ohne Rücksicht auf ihre Nationalität als Bürger anerkenne. Als "intelligente Person" sei sie aber der Meinung, dass dies "niemals" passieren wird, auch und gerade auf dem Balkan mit seiner blutigen Geschichte.

Habsburg sagte auf die Frage, ob seine Familie schuld am Krieg gewesen sei, er könne "keine Antwort geben, weil ich sie nicht weiß". "Es ist sehr kompliziert", nahm Habsburg eine Anleihe beim früheren SPÖ-Kanzler Fred Sinowatz. Rauchensteiner meinte, es sei falsch, in diesem Zusammenhang den Begriff von "Kriegsschuld" zu verwenden, da der Konflikt viele Ursachen gehabt habe.

Auf die Frage nach den Lehren aus dem Ersten Weltkrieg sagte Snyder: "Für uns Amerikaner ist die wichtigste Lektion: Beginne niemals einen Krieg ohne zu wissen, welche Konsequenzen er haben könnte." Habsburg sagte, dass das Jahr 1914 die internationale Politik als warnendes Beispiel ohnehin schon beeinflusse. So habe etwa US-Präsident John F. Kennedy in der Kuba-Krise Anfang der 1960er Jahre bewusst auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verwiesen. "Wir haben 1914 als Beispiel, an unsere Krisen heranzugehen und vielleicht auch schnell zu handeln", sagte Habsburg.




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Dokument erstellt am 2014-01-19 14:44:49
Letzte Änderung am 2014-01-19 14:46:04



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