• vom 19.02.2016, 17:56 Uhr

Politik

Update: 19.02.2016, 21:07 Uhr

Politische Sprache

Täter, Opfer, Held Auf der Suche nach dem Täter




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Von Walter Hämmerle

  • Über Politik bewusst zu sprechen, ist schwieriger als viele denken. Ein Gespräch mit der Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling.

- © Quadratmeter OEG

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Wien/Berkeley. Bewusst zu kommunizieren: Eigentlich, so sollte man vermuten, gerade für Politiker eine Selbstverständlichkeit. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Der Grund: Wir begreifen Fakten, Worte und Ideen nicht neutral, sondern eingebettet in einen von unserem Gehirn aktivierten Deutungsrahmen, Frame genannt (englisch für Rahmen, Sinnzusammenhang). Nicht Fakten bestimmen unser Handeln, sondern der jeweils im Kopf abgerufene Bedeutungsrahmen.



Die Bedeutung von Framing für die Politik liegt auf der Hand. Die "Wiener Zeitung" sprach dazu mit Elisabeth Wehling, einer der führenden Forscherinnen auf diesem Gebiet. Am Dienstag, 23. Februar, präsentiert sie ihr Buch "Politisches Framing - Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" (edition medienpraxis, Köln 2016) mit Franz Fischler im Radiokulturhaus (18.30 Uhr, Argentinierstraße 30).

"Wiener Zeitung": Wie kommuniziert man richtig als politische Kraft?

Elisabeth Wehling: Indem man sicher stellt, dass die eigenen Wertevorstellungen authentisch, ehrlich und effektiv vermittelt werden. Politik muss sich immer darüber Rechenschaft ablegen, was ihre Anliegen sind und auf welchen Werten diese Anliegen beruhen. Sobald man sich darüber wirklich im Klaren ist, muss man es dann kommunizieren. Und das gelingt nur, wenn jede politische Bewegung mit ihren eigenen Sprachbildern arbeitet, solchen Bildern nämlich, die der eigenen Weltsicht entsprechen.

Aber ist dann Verständigung und Kompromiss möglich, wenn jede Gruppe ausschließlich in ihrer eigenen Sprachwirklichkeit lebt?

Es ist sogar die Voraussetzung für echte Verständigung! In dem Moment, in dem man sich kollektiv auf nur eine sprachliche Wirklichkeit beschränkt, reduziert man sich auf diese eine ideologische Perspektive. Verständigung, Kompromiss und Kooperation funktionieren nur, wenn jede Gruppe authentisch ihre eigene Sicht auf die Dinge argumentiert - und das bedeutet zwingend unterschiedliche Sprachbilder.

Wie gut gelingt uns das aktuell?

Mitunter nicht schlecht. In etlichen Bereichen dominieren konservative Zugänge, etwa, wenn es um Steuern, Arbeit oder die Flüchtlingsdebatte geht. Und es gibt Diskurse, die weder von links noch von rechts dominiert werden, sondern moralisch entkernt sind, etwa unsere Diskurse zum Umweltschutz. Hier sprechen wir von "Klimawandel", obwohl Wandel keine Verschlechterung impliziert, und von "globaler Erwärmung", obwohl das Sich-Erwärmen ein positives, emotionales Konzept ist. Hier fehlt es an Begriffen, die die moralische Dringlichkeit angesichts der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen vermitteln. In der Umweltpolitik wird oft Sprache genutzt, die weder eine linke noch eine rechte moralische Botschaft impliziert.

Der Begriff des "Waldsterbens" vermittelte sehr wohl Dringlichkeit.

Ja, das war ein starker Begriff. Allerdings wird auch hier nicht deutlich, wer der Verursacher ist. Dieser entscheidende Aspekt wird ausgeblendet, doch genau den hervorzuheben wäre bei der von Menschen verursachten Klimaveränderung notwendig.

Also wäre "Waldmörder" besser?

Ja, auch wenn "Mörder" vielleicht zu stark daher kommt, aber in genau diese Richtung müsste es gehen. Man könnte vom "Waldtöten" sprechen. Man muss den "Täter" mit einbeziehen, das wäre ein gelungenes Framing.

Wer ist der "Täter" bei der Debatte um Migration und Flüchtlinge?

Das ist die spannende Frage, weil hier unterschiedliche Vorstellungen bestehen. Vielen Politdebatten wohnt eine einfache moralische Erzählstruktur inne, in der es einen Täter oder Bösewicht, ein Opfer und einen Helden gibt, der das Opfer vor dem Bösewicht rettet. Dieses Narrativ gibt es nicht nur in Märchen, sondern auch im politischen Framing. In der Flüchtlingsfrage existieren zwei unterschiedliche moralische Geschichten: In der einen sind die Flüchtlinge die Täter, die uns Europäer als Opfer bedrohen; die Retter sind jene Parteien, die sich gegen die Flüchtlinge stellen. Diese Geschichte erzählt von einer Selbstverteidigung.

Und das alternative Narrativ?

Hier sind die Flüchtlinge die Opfer und die IS-Terroristen und syrische Armee die Täter. Als Retter agieren jene Staaten und Kräfte, die sich für den Schutz und die Aufnahme von Flüchtlingen stark machen. Diese Perspektive impliziert manchmal einen kognitiven Haken, weil manche den Westen nicht nur als Retter, sondern zugleich auch aufgrund seiner internationalen Politik als Mittäter begreifen. Übrigens sprechen wir kollektiv von der "Flüchtlingskrise", benennen also die Flucht als Krise. Wir sprechen nicht von der "Vertreibungskrise", was den Fokus auf die Verursacher legen würde, und auch nicht von der "Aufnahmekrise", womit die politische Herausforderung des Helfens in den Mittelpunkt rückte.

Eines der stärksten Sprachbilder war jedoch jenes von der "Willkommenskultur", von der wir uns jetzt angeblich wieder verabschieden. Warum hat sich dieser positiv besetzte Zugang nicht durchgesetzt?




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Dokument erstellt am 2016-02-19 18:02:06
Letzte Änderung am 2016-02-19 21:07:33



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