• vom 12.08.2016, 18:25 Uhr

Politik

Update: 12.08.2016, 18:36 Uhr

Cannabis

Gutes Kraut, böses Kraut




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Von Werner Reisinger

  • Die Debatte über Cannabis als Medizin hat in Österreich erst begonnen. Ein Pflanzer zieht nun vor den VfGH.

Labor bei Flowery Field.

Labor bei Flowery Field.

Alexander Kristen, Geschäftsführer von Flowery Field in Brunn am Gebirge, zieht gegen das Cannabis-Monopol der Ages vor den Verfassungsgerichtshof.

Alexander Kristen, Geschäftsführer von Flowery Field in Brunn am Gebirge, zieht gegen das Cannabis-Monopol der Ages vor den Verfassungsgerichtshof.© Christandl Alexander Kristen, Geschäftsführer von Flowery Field in Brunn am Gebirge, zieht gegen das Cannabis-Monopol der Ages vor den Verfassungsgerichtshof.© Christandl

Wien. Kaum eine Droge, die eine derartig mannigfache Wirksamkeit entfalten kann, ist so stigmatisiert wie Cannabis. Während Länder wie Portugal, Spanien, die Niederlande und auch Großbritannien längt eine liberalere Politik in Sachen Marihuana umgesetzt haben, sind in Österreich Besitz, Konsum und Weitergabe der Substanz nach wie vor strafbar. Obwohl als "weiche Droge" klassifiziert, wird Cannabis noch immer gerne mit anderen illegalen Drogen wie Extasy, Kokain und Heroin in einen Topf geschmissen. Forderungen, die restriktive Gesetzeslage ob der stetig steigenden Zahl an Cannabis-Konsumenten zu liberalisieren, wird von der Politik meist mit dem Argument abgeschmettert, Cannabis sei eine Einstiegsdroge.

Dabei gilt das grüne Kraut als eine der ältesten Heilpflanzen der Menschheitsgeschichte. In Asien wird Hanf seit Jahrtausenden zur Behandlung von Appetitlosigkeit, Krämpfen oder Schmerzen eingesetzt, spätestens seit dem Mittelalter ist Cannabis auch in der klösterlichen Medizin bekannt. Im 20. Jahrhundert wurde die vielfältig wirksame Pflanze von der Pharmaindustrie verdrängt. Erst seit einigen Jahren erlebt Cannabis ein Comeback.


Israel gilt in Sachen Medizinalhanf als Vorreiter. Über 25.000 Patienten dürfen dort legal Cannabis konsumieren. Sie nehmen es in Form von Präparaten, aber auch in natürlicher Form, als Extrakt, in Form von Tees oder Tropfen zu sich oder rauchen die getrockneten Blüten. Auch Deutschland denkt über eine Freigabe von Cannabis zu medizinischen Zwecken nach. In Österreich hat die Diskussion über Medizinalhanf hingegen gerade erst begonnen.

Monopol der Ages
Verantwortlich dafür, dass Cannabis unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, ist der hauptsächlich für die berauschende Wirkung verantwortliche Stoff Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Darüber hinaus enthält die Cannabispflanze über 85 weitere Substanzen mit unterschiedlicher Wirksamkeit. Von einer vollständigen Erforschung des medizinischen Potenzials der Pflanze ist die Wissenschaft noch weit entfernt. Fest steht: Cannabis hilft gegen Angstzustände bei postraumatischen Belastungsstörungen, verschafft Rheumapatienten Linderung und regt den Appetit von Krebs- oder Aidskranken an. Belegt ist auch die positive Wirkung bei Epilepsie und anderen Nervenerkrankungen.

Patienten mit solchen Krankheitsbildern können in Österreich nach der derzeitigen Gesetzeslage mit einem Suchtgiftrezept das Präparat Dronabinol beziehen. Hergestellt wird es fast ausschließlich in Deutschland, vom Pharma-Konzern Bionorica mit Hauptsitz in Neumarkt in der Oberpfalz. Die für die Herstellung von Dronabinol benötigten Cannabisblüten bezieht der Konzern aus Österreich - und zwar von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). Sie hat in Österreich ein gesetzliches Monopol für die Aufzucht von Cannabis zu medizinischen Zwecken, das im Paragraf 6 des Suchtmittelgesetzes geregelt ist. Welchen Preis der deutsche Konzern für das in Österreich produzierte Cannabis bezahlt, möchte die Ages "aufgrund der privatrechtlichen Verträge und der damit verbundenen Verschwiegenheitspflicht" gegenüber der "Wiener Zeitung" nicht sagen, auch nicht, wofür die so eingenommenen Mittel verwendet werden. Bionorica erzielte 2015 einen Jahresumsatz von über 244 Millionen Euro - auf das cannabisbasierte Dronabinol entfielen dabei "keine zwei Prozent", heißt es aus dem Unternehmen.

Alexander Kristen will das Cannabis-Monopol der Ages nicht länger akzeptieren. Er betreibt Flowery Field, Österreichs größten Hanfstecklingsbetrieb, in Brunn am Gebirge bei Wien. Mit 30 Mitarbeitern produziert er 25.000 Cannabisstecklinge pro Woche. Kristen geht es um zweierlei: Er will einerseits den Markt für die Produktion von medizinischem Cannabis öffnen und andererseits die Diskussion über eine Freigabe von natürlichem Cannabis für medizinische Zwecke fördern. Geht es nach ihm, so soll es in Zukunft nicht nur Dronabinol, sondern - wie auch in Israel - natürlichen Hanf auf Rezept geben.

"Die Ages kann frei von Konkurrenz Preis und Menge des angebauten Cannabis bestimmen", sagt Kristen. Mit seinem Anwalt Wolfram Proksch hat Kristen vergangenen März einen Individualantrag beim Verfassungsgerichtshof (VfGH) eingebracht. Schon jetzt erlaube das Suchtmittelgesetz der Ages, eine Tochtergesellschaft zum Zweck des Cannabisanbaus zu gründen.

Wirksam, aber teuer
An einer Tochtergesellschaft müsste die Ages laut Suchtmittelgesetz zu 75 Prozent beteiligt sein. Doch der österreichische Hanfmonopolist hat kein Interesse an Kristens gut gehender Firma, die längst ein Labor für die keimfreie In-vitro-Befruchtung der Cannabissetzlinge eingerichtete hat.

Flowery Field als Ages-Tochter, das verlange "klare gewerberechtliche Voraussetzungen", es sei "nicht bekannt, dass Herr Kristen die genannten Voraussetzungen erfüllt", so die Ages in einer der "Wiener Zeitung" vorliegenden Stellungnahme. Zudem bestehe "aufgrund der Auftragslage und der Produktionskapazitäten kein Grund", eine Tochtergesellschaft zu gründen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-12 18:29:06
Letzte Änderung am 2016-08-12 18:36:48



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