• vom 14.01.2017, 11:00 Uhr

Politik

Update: 14.01.2017, 11:55 Uhr

Interview

"Du bist die Frau Wichtig"




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Von Marina Delcheva

  • ÖBB-Aufsichtsratschefin Ederer über die Digitalisierungsdividende, Europas Existenzkrise und Kinder mit Tablets.

"Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Jobs und Infrastruktur, die gesellschaftlich notwendig sind, finanzieren", meint Brigitte Ederer.

"Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Jobs und Infrastruktur, die gesellschaftlich notwendig sind, finanzieren", meint Brigitte Ederer.© Christoph Liebentritt "Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Jobs und Infrastruktur, die gesellschaftlich notwendig sind, finanzieren", meint Brigitte Ederer.© Christoph Liebentritt

Wien. Man muss keine Politikerin sein, um Politik zu machen. Brigitte Ederer ist Aufsichtsratsvorsitzende der ÖBB, Vorsitzende einer Plattform, die sich überlegt, wie der technische Wandel zu gestalten ist, und hat in den 1990ern als Staatssekretärin Österreichs EU-Beitritt mitverhandelt. Heute, 26 Jahre später, steht Europa auf dem Prüfstand. Die Digitalisierung droht eine noch größere Kluft zwischen Wissende und Unwissende zu reißen. Ein Gespräch über den Staat als Unternehmer, soziale Verantwortung und warum Frauen in Führungspositionen ein gutes Mantra brauchen.

"Wiener Zeitung":Von Ihnen soll der Satz stammen: Du bist die Frau Wichtig und machst alles richtig. Wie oft sagen Sie sich das vor?


Brigitte Ederer: Der Satz stammt eigentlich von meinem ersten Chef in der Arbeiterkammer, Ferdinand Lacina. Ich war sehr jung und musste in wichtigen Sitzungen die Kammer vertreten. Zum Beispiel zum Thema Baupreise, wo nur ältere Männer aus der Bauwirtschaft vertreten waren. Ich dachte, ich schaffe es nicht, dort die Kammerposition durchzusetzen. Dieser Satz hat mich mein ganzes Berufsleben begleitet und ich bin ihm ewig dankbar dafür. Ich sage mir das mittlerweile seltener als früher, aber es kommt noch immer vor.

Sie haben 2014 den Verkauf der Telekom Austria scharf kritisiert und vor einem "Ausverkauf der OMV" gewarnt. Wieso sehen Sie diese Privatisierungen so kritisch?

Weil ich der Überzeugung bin, dass bei der Infrastruktur - das ist bei der Telekom sowohl das Telefonnetz als auch der Ausbau von Breitband, als auch das Gasnetz bei der OMV - die öffentliche Hand eine maßgebliche Rolle spielen sollte.

Was macht den Staat zum besseren Infrastrukturbetreiber?

Wenn ein großes Unternehmen börsennotiert ist, hat es kurzfristige Kapitalinteressen. Das ist logisch. Aber eine Infrastruktur rechnet sich betriebswirtschaftlich vielleicht nie. Langfristig und volkswirtschaftlicht gesehen rechnet sie sich auf alle Fälle.

Sie haben auch gefordert, dass die Telekommunikations-, Energie- und Verkehrsnetze in einem großen Infrastrukturkonzern zusammengefasst werden, der dann der staatlichen ÖBIB unterstellt ist. Welche Vorteile hätte das?

Das war eine Reaktion darauf, die Netze ja nicht zu verkaufen. Ich glaube, dass es gewisse Synergieeffekte bei Strom und Gas geben könnte. Ich bin aber nicht sicher, ob das für die Straße und die Schiene sinnvoll wäre, weil andere Finanzierungsmodelle dahinterstehen. Die Straßeninfrastruktur wird durch die Maut finanziert und bei den Schienen spielt der Staat eine große Bestellerrolle.

Anderseits wirft man staatlichen Betrieben oft vor, träge und ineffizient zu sein. Kann ein staatliches Unternehmen am globalen Markt, wo bitterer Kosten- und Innovationsdruck herrscht, bestehen?

Ich glaube, die Zeiten, in denen man sagen konnte, staatliche Unternehmen sind träge und bürokratisch, sind vorbei. Es gibt heute hervorragend geführte halbstaatliche Unternehmungen. Ich denke an den Flughafen Wien. Ich wüsste nicht, was man da als Privater besser machen kann. Ich würde auch meinen, dass die ÖBB ein herzeigbares Unternehmen sind. Und bei der Infrastruktur muss man auch volkswirtschaftliche Überlegungen anstellen. Der Schienenausbau von Wien nach Graz lässt sich betriebswirtschaftlich schwer argumentieren. Aber letztendlich bringt er eine Verbesserung der Infrastruktur, und in der Region werden sich wohl auch Betriebe ansiedeln, die besser angebunden sind. In der Geschichte der Menschheit gab es dort eine gute wirtschaftliche Entwicklung, wo es eine gute Infrastruktur gab und wo sich Verkehrswege gekreuzt haben. Das Gleiche gilt auch für den Breitbandausbau.

Themenwechsel: Was denken Sie, würde Henry Ford, der Vater der Fließbandarbeit, heute sagen, wenn er durch eine menschenleere, voll automatisierte Betriebshalle gehen würde?

Er wäre sicher schwer beeindruckt. Dann würde er wahrscheinlich fragen: Wer kauft meine Autos?

Sie sind auch Obfrau der Elektroindustrie und Mitbegründerin der Plattform Industrie 4.0. Die Technologisierung schreitet mit einem ungeheuren Tempo voran, die Digitalisierung verändert nach und nach fast alle Lebensbereiche. Wie soll die Politik darauf reagieren?

Ausbildung und Qualifikation.

Denken Sie, dass Kinder, die heute in die erste Klasse Volksschule gehen, in 20 Jahren genug können, um einen Job zu finden, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können?

Ich habe jetzt Sorgen, weil ein Fünftel der Schüler das System verlässt, ohne sinnerfassend lesen und rechnen zu können. Hier stimmt am System etwas nicht. Es macht mir auch Sorgen, ob wir genug Flexibilität erreichen, dass auch Kinder aus bildungsfernen Schichten eine Chance bekommen. Es beginnt schon damit, dass sich nicht jeder ein Tablet leisten kann und früh lernt, wie man damit umgeht.

Wären Sie Bildungsministerin, welche drei Maßnahmen würden Sie sofort beschließen?

Hätte ich alle Freiheiten, würde ich beschließen, dass sich Kinder nicht schon mit zehn, sondern später für einen Ausbildungsweg entscheiden müssen. Zweitens: Jedes Kind hat Talente. Ich würde dort ansetzen, wo man die Stärken fördert und nicht permanent auf die Schwächen hinweist, weil das demotiviert. Und dann würde ich die Betreuung für Kinder, die zu Hause nicht genug Förderung bekommen, ausbauen. Ganztägig und bis 18. Am Ende des Tages müssen Menschen das Bildungssystem verlassen, die eine Förderung ihrer Talente erfahren haben und nicht jahrelang gehört haben was sie nicht können.

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Dokument erstellt am 2017-01-13 17:38:05
Letzte Änderung am 2017-01-14 11:55:31



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