• vom 18.07.2017, 07:40 Uhr

Politik

Update: 19.07.2017, 16:02 Uhr

Sebastian Kurz

Der Leistungsträger




  • Artikel
  • Kommentare (24)
  • Lesenswert (524)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Solmaz Khorsand

  • Seine Generation hat das neoliberale Mantra verinnerlicht. Der Maturant Sebastian Kurz bleibt es selbst schuldig. Dabei predigt er nichts anderes.

Wien. Die Generation Praktikum darf endlich aufatmen. Jahrelang lebte sie nach dem Credo: Optimiere dich selbst, nur so hast du eine Chance. Nur so kannst du mithalten. Nur so einen Fuß auf den Arbeitsmarkt setzen. Gestresst hat sie dieses Credo, die 18-bis 37-Jährigen. Früh wurde ihnen eingebläut: Qualifikation ist alles. Ein Studium ist ein Muss. Am besten irgendwas mit Technik, in Mindestzeit, zwischendurch unbedingt einen Abstecher ins Ausland, wo man nebenbei seine Mandarin-Kenntnisse auffrischt und den einen oder anderen ECTS-Punkt für sein Zeugnis abräumt, wenn man gehbehinderte Chihuahuas in seiner Freizeit betreut. Schließlich braucht auch Empathie ein Zertifikat.

Doch das ist nun vorbei. Die Generation Y darf sich entspannen. Denn einer von ihnen hat es geschafft und das ganz ohne viel formaler Ausbildung: der Maturant Sebastian Kurz. Oder das Gegennarrativ zur Hyperqualifikationsgesellschaft. Er hat sich vom neoliberalen Leistungsgedanken nicht einschüchtern lassen. Patriotisch ist der 30-Jährige den österreichischen Weg gegangen: über eine Partei, die Karriereleiter der Abgehängten.

Für seine Generation nicht unbedingt ein attraktiver Weg. So old school. So Werner Faymann. Doch Sebastian Kurz offenbart seinen Altersgenossen die Schönheit und Effizienz eines gut geölten Parteiapparats, den die hysterische Wettbewerbsfähigkeit des Individuums nicht interessiert.

Paradox eigentlich. Denn keine andere Partei pocht dermaßen auf Leistung wie die ÖVP. Sie wird als Wert, Prinzip, gar Leitmotiv der schwarzen DNA verkauft. Und von der Gesellschaft beinhart eingefordert. Insbesondere von der Jungen ÖVP, der Kurz acht Jahre lang bis Mai 2017 vorstand. Auch ihr einstiger Obmann predigt wacker den Leistungsmythos. Und konterkariert ihn mit der eigenen Biografie. Als Maturant zum Integrationsstaatssekretär. Als Maturant zum Außenminister. Als Maturant zum Parteiobmann.

Man könnte die Bestellung der Spitze als Zugeständnis an den "einfachen Mann" begreifen. Oder gar als Kapitulation der ÖVP, der "Anwältin der Leistungsträger", an die österreichische Realität. Man weiß ja, dass dem Österreicher zu viel Bildung nicht ganz geheuer ist. Laut Umfragen des Linzer Meinungsforschungsinstituts IMAS hat der österreichische Leistungsgedanke kaum etwas mit der intellektuellen Leistung zu tun. So charakterisiert die Mehrheit der Befragten als wichtigsten Richtwert für die Bemessung beruflicher Leistung die körperliche Schwierigkeit der Arbeit, danach den Verantwortungsgrad des Betreffenden für Mitarbeiter und auf Platz drei seine Ausbildung.

Intellektuellenfeindliches Österreich

"Intellektuellenfeindlichkeit hat in Österreich eine lange Tradition", erklärt die Soziologin Laura Wiesböck von der Universität Wien. "Historisch gesehen gibt es weitgehende Überschneidungen zwischen Anti-Intellektualismus und Antisemitismus. Der Austrofaschismus zerstörte die in der arbeitenden Klasse entstandenen Ausformungen von Intellektualität. Das hat hierzulande dauerhafte Denk-und Verhaltensmuster hinterlassen, die gesellschaftlich nie bewusst aufgearbeitet und überwunden worden sind."

Nach wie vor bleibt der Professor dem Österreicher suspekt. Nicht umsonst musste sich Alexander Van der Bellen monatelang durch den Präsidentschaftswahlkampf in Jeans und Rucksack dialekteln. Und dennoch wurde er den intellektuellen "Makel" bis zum Schluss nicht ganz los, egal wie oft er sich neben seinen Landsleuten aus dem Kaunertal ablichten ließ. "Bei Politikern geht es weniger um die tatsächliche soziale Herkunft oder den Bildungsgrad, sondern um den vermittelten Habitus. Michael Häupl hat zum Beispiel ein Doktorat abgeschlossen, wird aber durch sein Auftreten, seine Umgangsformen und seinen Sprachduktus als "einer von uns" wahrgenommen", sagt Laura Wiesböck.

Auch Sebastian Kurz hat diesen Habitus perfektioniert. Nur richtet sich seiner an die ehrgeizige Generation Praktikum, die es nicht so genau nimmt mit der Bildungsbiografie ihrer vermeintlichen Lichtgestalt. "Ich bringe kaum diplomatische Erfahrung mit, ich bringe aber eine starke Begeisterung mit, einen großen Gestaltungswillen und vor allem einen jungen Blickwinkel", sagte er unmittelbar nach seiner Bestellung zum Außenminister 2013 in einem Interview mit der "Kronen Zeitung". Im Außenministerium reichen "eine starke Begeisterung" und ein "großer Gestaltungswillen" nicht. Dort sind die Voraussetzungen für eine Stelle vom Chef abwärts strikt vorgegeben. Während der Außenminister ein abgebrochenes Jus-Studium vorlegen durfte, verlangt man für Bewerber für den höheren auswärtigen Dienst mindestens einen Magisterabschluss oder einen fertigen Bachelor und die Absolvierung des Diplomlehrgangs an der Diplomatischen Akademie Wien oder eines vergleichbaren post-universitären Lehrganges an einer ausländischen Lehranstalt.

Reicht der Gestaltungswille ohne Qualifikation?

14.309 AHS-Maturanten sind derzeit in Österreich arbeitslos gemeldet. Hätten sie auf dem Arbeitsmarkt Chancen auf eine Führungsposition mit einem "großen Gestaltungswillen" und einer "jungen Perspektive"? "Die Berufsbiografie eines Sebastian Kurz ist vollkommen atypisch. Es wird nur einen 30-Jährigen geben, der diese Biografie in Österreich hat", sagt der Arbeitsmarktforscher René Sturm. "Als Arbeitgeber würde mir auffallen, dass er es geschafft hat, trotz abgebrochenem Studium in gehobenen Verantwortungslagen tätig zu sein und dort auch zu überleben. Wozu brauche ich von dem noch ein Abschlusszeugnis? Alles, was ich brauche, hat er mir gezeigt.", sagt Sturm.

Doch vielleicht ist gerade dieser Tage ein akademischer Abschluss nicht ganz von Nachteil in Sebastian Kurz’ Arbeitsumfeld. Nach den Enthüllungen der Stadtzeitung "Falter" rund um die vermeintlich manipulierte Kindergartenstudie von Beamten aus dem Integrationsministerium, könnte durchaus Bedarf an Experten bestehen, die die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens verinnerlicht haben. Im Hintergrund, versteht sich. Nach außen bleibt man bodenständiges Ausnahmetalent. Alles andere würde den Österreicher nur verunsichern.





24 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-14 15:42:09
Letzte Änderung am 2017-07-19 16:02:52



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Einschränkung von Pressefreiheit ist inakzeptabel"
  2. Theorie und Praxis
  3. Schieder in Schlüsselrolle für Rendi-Wagner
  4. Kneissls flotter Reigen am diplomatischen Parkett
  5. Schieder tritt als Klubchef zurück
Meistkommentiert
  1. "Einschränkung von Pressefreiheit ist inakzeptabel"
  2. Kern will bei EU-Wahl antreten
  3. Kurz und Strache verlangen "spürbaren" Lohnanstieg
  4. Rendi-Wagner soll es richten
  5. Rendi-Wagners Glück und Pech

Die steirische Molekularbiologin und Neo-Nationalratsabgeordnete Juliane Bogner-Strauß übernimmt das Ressort Frauen, Familie und Jugend.



Werbung