• vom 04.08.2017, 17:55 Uhr

Politik

Update: 04.08.2017, 22:00 Uhr

Religionen in Österreich

Katholiken auf dem Rückzug




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  • Konfessions-Studie: Immer mehr Muslime und Orthodoxe, aber auch die Zahl der Konfessionslosen wächst.



Wien. (rei) Kaisertreu und streng katholisch, kurzzeitig protestantisch, aufgrund einer besonders aggressiven Gegenreformation dann wieder katholisch: Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert war der katholische Glaube nicht nur fixer Bezugspunkt der eigenen Identität, sondern auch des öffentlichen Lebens. Noch bei der letzten Volkszählung im Jahr 2001 bekannten sich drei Viertel der Österreicher zum Katholizismus. Seitdem ist nicht nur die Zahl der bekennenden Katholiken rückläufig, der katholische (und auch der evangelische) Glaube verlagert sich immer stärker in den privaten Raum, und auch die Zahl der Menschen ohne Bekenntnis nimmt stetig zu.

Diese Entwicklung bestätigt nun eine aktuelle Studie des an der Wiener Akademie der Wissenschaften angesiedelten Vienna Institute of Demography (VID). Die Katholiken sind in Österreich demnach zwar nach wie vor größte Religionsgruppe, inzwischen bekennen sich aber nur mehr 64 Prozent der Österreicher, also nicht einmal zwei Drittel, zum katholischen Glauben.


Bildungsniveau und Fertilität
Im Gegensatz dazu hat sich der Anteil der bekennenden Muslime in Österreich verdoppelt, und zwar von vier auf acht Prozent: Rund 700.000 Personen gaben laut Studie an, sich zum Islam zu bekennen - auch, aber nicht nur, ein Effekt der Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern.

Sogar mehr als verdoppelt hat sich der Anteil der orthodoxen Christen: 400.000 Menschen bekennen sich zu einer der orthodoxen Kirchen, das entspricht fünf Prozent der Bevölkerung. Den insgesamt stärksten Zuwachs aber verzeichnete in den vergangenen 15 Jahren die Gruppe der Konfessionslosen: Von 12 Prozent im Jahr 2001 stieg ihr Anteil 2016 auf 17 Prozent.

Wer ob der Zunahme von muslimischen Gläubigen nun allein die Flucht- und Migrationsbewegungen der letzten Jahre verantwortlich macht, dem sei ein genauer Blick in die Studienergebnisse empfohlen: Der Zuwachs sei "nicht nur auf den Faktor Zuwanderung zurückzuführen, sondern auch auf die relativ starke demographische Dynamik bestimmter Gruppen von Zuwanderern mit niedrigen Altersstrukturen und hohen Fertilitätsraten", schreibt das Forscherteam rund um Anne Goujon. Heißt im Klartext: Dass es in gewissen Zuwanderergruppen einen Zuwachs gibt, hat mit deren Altersstruktur, dem Bildungsniveau und der Erwerbstätigkeit zu tun. Zudem stammen "viele von ihnen (...) aus Ländern, in denen hohe Fertilität das Ideal darstellt".

Steigt das Bildungsniveau der Frauen aus diesen Communities, nähert sich auch die Fertilitätsrate der von, beispielsweise katholischen, höher gebildeten Frauen an. Auf das muslimische Bekenntnis sei die Fertilitätsentwicklung nicht ausschließlich zurückzuführen, schreiben die Studienautoren. Vor allem sozioökonomische Faktoren seien ausschlaggebend.

Vier Zukunfts-Szenarien
Spannend wird es, wenn man sich mögliche zukünftige Entwicklungen der religiösen Gruppen in Österreich ansieht. Hier haben die VID-Forscher vier mögliche Szenarien errechnet - und alle vier deuten auf eine zunehmende Diversifizierung der religiösen Gemeinschaften in Österreich hin.

Sollten künftig vor allem Menschen aus dem europäischen Raum zuwandern, würde das laut Studie zu einem Anstieg bei den Konfessionslosen auf ein Viertel der Bevölkerung führen. Die Katholiken würden bei 45, die Muslime bei 14 Prozent liegen. Würden zusätzlich zu europäischer Migration noch Menschen aus dem Nahen Osten zuwandern, würde das im Großen und Ganzen dem ersten Szenario entsprechen, wobei die Muslime auf bis zu 17 Prozent der Bevölkerung kämen.

Sollte die Migration abnehmen oder gänzlich aufhören, würde der Anteil der Katholiken hierzulande hingegen auf unter 50 Prozent fallen, Konfessionslose würden 28 Prozent ausmachen. Das vierte Szenario geht von einer starken Zuwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten aus, in 30 Jahren wären demnach 21 Prozent der Einwohner Muslime, in Wien würden sie mit 30 Prozent gar die größte religiöse Gruppe darstellen. Aus Sicht der Studienautoren sind jedoch die ersten beiden Szenarien wahrscheinlicher.




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Dokument erstellt am 2017-08-04 18:00:06
Letzte Änderung am 2017-08-04 22:00:05



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