• vom 02.12.2017, 07:30 Uhr

Politik

Update: 02.12.2017, 09:59 Uhr

Nationalrat

Grüner Neubau




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Von Simon Rosner

  • Nach ihrem Ausscheiden aus dem Nationalrat müssen sich die Grünen neu erfinden.





Wien. Das kleine Parteilokal der Grünen in der Wiener Leopoldstadt. Auf Tischen liegen große, weiße Papierbögen, dazu Filzstifte. Die Bezirkspartei hat eingeladen, um ein paar Antworten auf zwei für die Grünen derzeit grundsätzliche Fragen zu erhalten: "Warum?" und "Was jetzt?"

Erstmals nach dem Einzug in den Nationalrat wurden die Grünen aus diesem hinausgewählt. Dass der Worst Case eintrat, hatte auch damit zu tun, dass eben der Worst Case bei vielen Sympathisanten nicht als echte Gefahr wahrgenommen wurde. Die Partei hatte das drohende Szenario auch bewusst nicht kommuniziert.


Ein knappes Erreichen der Vier-Prozent-Hürde (rund 10.000 Stimmen fehlten) hätte zwar die Konsequenz für die Grünen bedeutend gemildert, an der Tatsache eines massiven Wählerverlustes hätte es aber nichts geändert. Innerhalb von drei Jahren (EU-Wahl) ist aus dem besten Abschneiden bei einer Bundeswahl das schlechteste geworden; aus einer über die Parteigrenzen hinaus respektierten Oppositionspartei eine chaotisch wirkende Truppe, die von Gegnern wie Unterstützern kritisiert, teilweise sogar verhöhnt wird. Gewiss, auch die spezifische Themenlage spielt eine Rolle. 2013 ging es um Korruption und Polit-Skandale, diesmal um Migration. Und der Zeitgeist, der den Grünen viele Jahre gewogen war, hat sich gedreht. Doch das ist nicht alles.

An diesem Abend in der Leopoldstadt geht es um das Aufsammeln der Scherben und darum, sie irgendwie wieder zusammenzupicken. Am Ende der Veranstaltung sind die Papierbögen mit Ideen, Wünschen und Forderungen vollgeschrieben. "Ökologie ist Klassenkampf", "gegen Rechts", "mehr Grün", "besseres Konfliktmanagement", "Listenwahlkampf anders gestalten" und so weiter.

Auch andernorts in Wien und anderen Teilen Österreichs finden derartige Treffen, so nahe wie möglich an der Basis, statt. Auch per E-Mail beteiligen sich viele und schreiben den Grünen ihre Gedanken. "Ganz viele kritisch, aber positiv ist: Sie haben alle ein Anliegen", erzählt Werner Kogler, der nach der Wahl zum Bundessprecher ernannt wurde und den Neuaufbau orchestrieren soll. Seither sind fünf Wochen vergangen. "Erst habe ich kleine Pflänzchen wachsen gesehen, jetzt sehe ich Büsche und Bäume."

Problem der Zuschreibungen
Abgesehen von der Organisation, die komplett neu aufgestellt werden muss, sowie der finanziellen Sanierung müssen sich die Grünen auch inhaltlich und kommunikativ hinterfragen. Der analytische Blick zurück ist dabei wichtig, um die Entwicklung verstehen zu können: wie aus einer ursprünglich kleinen, heterogenen, aber fast monothematischen Graswurzel-Bewegung eine breit aufgestellte Ökopartei mit beachtlichen Wahlerfolgen wurde. Und wie aus dieser dann eine gefühlt moralisierende Verbotspartei wurde, von der sich die Wähler in Scharen verabschieden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-01 16:26:08
Letzte Änderung am 2017-12-02 09:59:53



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