• vom 01.02.2018, 18:10 Uhr

Politik

Update: 01.02.2018, 20:53 Uhr

Antisemitismus

Mehr Antisemiten als Juden




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Von Brigitte Pechar

  • Politologe Filzmaier rät zu massiven Investitionen in Politische Bildung. "Diese hat dort zu sein, wo es wehtut."

Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Wien. Ein achtjähriger Bub mit einer Kippa auf dem Kopf wurde am Montagabend in Sarcelles im nördlichen Umland von Paris von zwei Jugendlichen angegriffen. Die Jugendlichen haben dem jüdischen Buben ein Bein gestellt und ihn getreten. Die Ermittler vermuten ein antisemitisches Motiv, wie das Innenministerium mitteilte. "Jedes Mal, wenn ein Bürger wegen seines Alters, seines Aussehens oder seiner Religion angegriffen wird, greift man die ganze Republik an", sagte Präsident Emmanuel Macron in der Nacht auf Mittwoch auf Twitter. In Frankreich gehen die Angriffe auf Synagogen zwar zurück - weil diese vom Militär bewacht werden -, andererseits hat die Grande Nation ein ganz besonderes Problem, wie man spätestens seit dem Attentat auf die Karikaturisten der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" am 7. Jänner 2015 weiß.

Dass aber auch Österreich kein geringes Antisemitismus-Problem hat, zeigt die derzeitige Debatte rund um das widerwärtige Liedgut der Burschenschaft Germania. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) berichtet der "Wiener Zeitung" zudem von einem Fall, wo jüdische Schulkinder von einem Mann aufgefordert worden sind, den Bus bei der nächsten Station zu verlassen: "Wenn ihr nicht aussteigt’s, schicke ich euch ins Konzentrationslager", soll er gesagt haben. Juden würden sehr oft auf der Straße angefeindet, heißt es aus der IKG. Das betreffe vor allem Juden, die ihren Glauben sichtbar machen. Aber es gebe wenige physische Übergriffe.


Rund 1,5 Millionen
latent antisemitisch

Politikwissenschafter Peter Filzmaier, der selbst schon einige Studien zu dem Thema verfasst hat, ortet zwei Arten von Antisemitismus in Österreich: den manifesten und den latenten. Der manifeste Antisemitismus liege im einstelligen Prozentbereich. Das sind aber immerhin 200.000 der 6,4 Millionen Wahlberechtigten. Aber die Gruppe derjenigen, die Juden bestimmte Fähigkeiten zuordnen oder ihnen mit Vorurteilen begegnen, mache immerhin 20 bis 25 Prozent der Wahlberechtigten aus - also rund 1,5 Millionen.

Das "Forum gegen Antisemitismus" hat im Jahr 2016 insgesamt 477 antisemitische Vorfälle in Österreich registriert. Die Mehrzahl, nämlich 59 Prozent der Vorfälle, ist keinem ideologischen Background zuzuordnen. 28 Prozent konnten rechtsextremen Tätern zugeordnet werden. Der Antisemitismusbericht für 2017 wird am 15. Februar veröffentlicht. Die Zahlen lagen noch nicht vor.

Filzmaier ortet ein gravierendes Versäumnis der Politik. "Wir haben hier ein unglaubliches Defizit an politischer Bildung." Vor allem, wenn man bedenke, dass es in Wien - wo ja fast alle Juden Österreichs leben - geschätzt 12.000 bis 25.000 Juden gibt.

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Dokument erstellt am 2018-02-01 18:14:12
Letzte Änderung am 2018-02-01 20:53:12



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