• vom 14.02.2018, 14:45 Uhr

Politik

Update: 14.02.2018, 15:30 Uhr

Brain Drain

"Man sollte nicht zusätzliche Hürden auferlegen"




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Von Bettina Figl

  • Statistik Austria-Chef Pesendorfer: "Volkswirtschaftlich problematisch", wenn Uni-Absolventen das Land in großem Ausmaß verlassen.

Konrad Pesendorfer, Chef der Statistik Austria.

Konrad Pesendorfer, Chef der Statistik Austria.© Statistik Austria / Zsolt Marton Konrad Pesendorfer, Chef der Statistik Austria.© Statistik Austria / Zsolt Marton

"Wiener Zeitung": Wieviele Menschen, die in Österreich ihren Doktor gemacht haben, verlassen das Land?

Konrad Pesendorfer: Es gibt große Unterschiede in der Mobilität je nach Staatsangehörigkeit: Drei Jahre nach dem Studium sind knapp 56 Prozent der Doktoranden aus Deutschland nicht mehr im Land, bei Nicht-EU-Bürgern sind es fast Dreiviertel. Unter den Österreichern ist die Mobilität drei Jahre nach Studienabschluss relativ gering; nur 7,9 Prozent der österreichischen Doktoranden gehen nach dem Studienabschluss ins Ausland.

Information

Konrad Pesendofer (49) 
Chef der Statistik Austria, ist Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Er arbeitete u.a. bei der Nationalbank und bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.

Wie erklären Sie sich diese geringe Mobilität der Österreicher?

Das liegt wahrscheinlich an der Verwurzelung der einzelnen Personen im eigenen Land. Das sieht man an der geringen Quote an abwandernden Österreichern selbst im höchsten Bildungssegment.

Bachelorabsolventen sind weniger mobil als Doktoranden, und es gibt Unterschiede je nach Studienrichtung. Wandern Naturwissenschafter besonders oft aus?

Betrachtet man alle abgewanderten Österreicher, ziehen Personen mit einer Ausbildung im Feld Naturwissenschaften, mit 6,6 Prozent am häufigsten weg. Unter den Hochschulabsolventen weisen Personen mit Abschluss im Gesundheits- und Sozialwesen die die höchste Mobilitätsrate auf, gefolgt von Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik, danach Kunst und Geisteswissenschaften. Bei den nicht-österreichischen Studienabsolventen sind es die Agrar- und Veterinärmediziner, die am mobilsten sind: Dreiviertel von ihnen zogen spätestens drei Jahren nach dem Studium ins Ausland – wobei wir hier mit 137 Personen im Jahr 2010/2011 eine geringe Fallzahl haben.

Auch im Medizin-Studium gibt es sehr große Unterschiede in der Mobilität der Absolventen je nach Nationalität. Wie drückt sich das in Zahlen aus?

Drei Jahre nach dem Studienabschluss gehen 8,4 Prozent der österreichischen Medizin-Absolventen ins Ausland, bei den Studierenden aus Deutschland sind es 84 Prozent. Das zeigt: Ihr Hauptmotiv, nach Österreich zu kommen, ist das Studium.

Sie sprechen sich für eine europaweite Lösung aus. Wie könnte eine solche aussehen?

Aufgrund des Numerus Clausus in Deutschland kommen junge Menschen nach Österreich, um hier zu studieren. Zugangsregelungen zum Hochschulstudium in einem EU-Land haben daher Auswirkungen auf die Inanspruchnahme von Bildungseinrichtungen in einem anderen EU-Land – da bräuchte es EU-weite Lösungen. Die bestehende Quotenregelung in Medizin bekämpft hier nur Symptome, nicht aber die Ursache des Problems. Es ist auch volkswirtschaftlich problematisch, wenn öffentlich finanzierte Universitäten in einem Staat Bildungsleistungen anbieten, die Menschen dann aber nach Abschluss der Ausbildung das Land in großem Ausmaß wieder verlassen.

Bei der Mobilität zeigt sich auch ein Gender-Gap. Wie ist das zu erklären?

Frauen mit akademischem Abschluss sind mobiler, bevor sie Kinder bekommen. Der Mobilitätsrückfall ist bei Männern nach Familiengründung geringer, was auf die unterschiedliche Rollenaufteilung bei der Kinderbetreuung zurückzuführen ist. Bei vielen Akademikerinnen zeigt sich, dass sie mit der Familienplanung warten - nicht nur, bis sie mit dem Studium fertig sind, sondern sie steigen auch zuerst in den Beruf ein. Ein weiterer Grund ist die Studienwahl, die bei Frauen und Männern unterschiedlich ist – und die daraus resultierenden Berufsbilder weisen oft auch unterschiedliche Mobilitätsbereitschaft auf. Der größte Unterschied zeigt sich bei Menschen mit niedrigem Bildungsgrad. Bei jungen Akademikern gibt es kaum geschlechtsspezifische Unterschiede in der Mobilität.

Ist es nicht schade, wenn ein Mensch aus einem Nicht-EU-Land hier promoviert, einen Job findet, und dann wieder geht, weil er oder sie zu lange auf die Rot-Weiß-Rot-Karte warten muss?

Da bin ich ganz bei Ihnen. Österreich bedient sich nicht jener Möglichkeiten, die es hätte. Es wäre wertvoll, wenn Personen mit guter Qualifikation Eingang in den Arbeitsmarkt fänden und man ihnen nicht zusätzliche Hürden auferlegt. Aber das ist eine politische Frage: Soll man hochgebildete, leicht integrierbare Nicht-EU-Bürger bevorzugen und ihnen Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern? Diese selektive Migrationspolitik ist eine Überlegung wert.





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Dokument erstellt am 2018-02-07 15:01:26
Letzte Änderung am 2018-02-14 15:30:19



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