• vom 11.03.2018, 08:00 Uhr

Politik

Update: 12.03.2018, 12:49 Uhr

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"Ich habe den Parolen über ,Arbeit und Brot‘ geglaubt"




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Erst später sei ihm bewusst geworden, wie Österreich bereits vor dem "Anschluss" sturmreif gemacht worden war. Es war von deutscher Seite ruiniert worden, sagt Knell heute. So musste ab 1933 jeder deutsche Staatsbürger beim Grenzübertritt nach Österreich dem Deutschen Reich 1000 Reichsmark zahlen - ganz egal, ob es um Geschäfte oder Besuche ging. Zum Vergleich: "Ein VW hätte 990 Mark kosten sollen", so Knell, "wer mochte da noch nach Österreich fahren?"

"Die Menschen waren arm. Die Anzahl der Bettler war groß." Besonders aufgefallen sind Knell damals die Bierdippler, "die Ärmsten der Armen". Bei den Wirtshäusern stemmten sie die leeren Fässer hoch, sammelten die Reste - "den restlichen Hansl" - in einem Reindl und lebten fast nur davon.

Die Praterstraße im zweiten Bezirk, wo Knell wohnte, war bei Hitlers Einzug voller Menschen.

Die Praterstraße im zweiten Bezirk, wo Knell wohnte, war bei Hitlers Einzug voller Menschen. Die Praterstraße im zweiten Bezirk, wo Knell wohnte, war bei Hitlers Einzug voller Menschen.

"So konnte Hitlers Abstimmung für oder gegen den "Anschluss" nur zu seinen Gunsten ausgehen", sagt Knell. Laut amtlichen Angaben hatten 99,75 Prozent für den "Anschluss" gestimmt - zum Teil außerhalb der Wahlzelle, um nicht als "Systemgegner" möglichen Repressalien ausgesetzt zu sein. Dass die hohe Stimmenanzahl wahr war, habe Knell schon damals bezweifelt, sagt er.

Er selbst habe sich stets als Österreicher gefühlt, und der Text der deutschen Hymne habe ihn immer gestört: "Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt." 1938 musste Knell allerdings wie jeder, der eine Schule besuchen wollte, der Hitlerjugend beitreten. "Diese vormilitärische Ausbildung mit ,Sprung auf, marsch, marsch‘ hat mir überhaupt nicht gefallen." Er fand einen Ausweg, ging zur Spielschar. "Da musste ich statt Exerzieren nur auf einem Schwegelpfeiferl ,Preußens Gloria‘ und Ähnliches erlernen."

"Fliegernarr" und Parteimitglied

Nach seiner Matura 1939 ging Knell freiwillig früher zum "Reichs-Arbeitsdienst". Dieser dauerte dann aber statt eines halben Jahres ein dreiviertel Jahr - das erste Trimester an der Technischen Universität, wo Knell eigentlich studieren wollte, hatte er somit versäumt, tat sich mit dem Nachholen schwer und meldete sich als "Vorzeitig Dienender" 1940 zur Luftwaffe. Knell, ein "Fliegernarr", wie er sich bezeichnet, dachte, auf diese Weise Pilot werden zu können.

"Aber zwischendurch hatte es mich anderweitig erwischt. Zu alt für die Hitlerjugend, hätte ich nur der SA (Sturmabteilung, Anm.) beitreten können. Wieder Fußdienst - nein, das war mir zu viel." Ein Freund riet ihm, stattdessen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beizutreten. Da müsse er gar nichts tun. "Das war’s - ich tat es."

Nur zwei Monate später kam die Einberufung zum Militär. Bis zum Kriegsende war Knell Soldat in Nordafrika, an der italienischen und schließlich an der russischen Front. Er habe etliche Kameraden fallen sehen, sagt Knell und wischt mit der Hand symbolisch seine Erinnerungen weg. Um Haaresbreite entging er - leicht an der linken Hand durch ein Projektil verwundet - Ende Februar 1945 der russischen Gefangenschaft. Das Ende des Krieges brachte ihn in eine dreimonatige amerikanische Gefangenschaft.




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Karl Knell


Der Zeitzeuge Kral Knell im Interview

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-09 13:35:48
Letzte Änderung am 2018-03-12 12:49:09



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