• vom 28.04.2018, 10:00 Uhr

Politik

Update: 28.04.2018, 13:10 Uhr

Grundeinkommen

Eine bedingungslose Falle




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Von Jan Michael Marchart

  • Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens hat Konjunktur. Die Utopie kann aber schnell im Gegenteil enden.

- © Getty Images/fStop

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Wien. Wir leben in einer Ära vielschichtiger Unsicherheiten. Weltweit gibt es kaum Gesellschaften, in denen sich nicht eine Grundstimmung der Angst förmlich hineinfrisst. Das hat gute Gründe. Arbeits- und Wirtschaftsleben verändern sich in einer Rasanz, die vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar war. Automatisierung, Digitalisierung und Vernetzung lauten die vagen Begriffe, die aber für viele eine klare Botschaft beinhalten: Die Situation, dass immer mehr Menschen ohne spezielle Qualifikation nicht mehr gebraucht werden, dürfte sich verschärfen, während die Zahl der Jobs, die von immer klüger werdenden Maschinen durchgeführt wird, wahrscheinlich ansteigt.

Viele Mitarbeiter der Automobilbranche wissen, dass ihre Qualifikation ein zeitliches Limit hat, Busfahrer und Taxilenker lesen von fahrerlosen Autos, Reinigungskräfte von kleinen Roboterstaubsaugern und die Kassierin, die immer öfter neben einer Selbstbedienungskasse steht, wartet praktisch darauf, dass sie überflüssig wird. Hinzu kommt eine stetig wachsende Unzufriedenheit jener Menschen, die schon jetzt keinen Anschluss mehr am Arbeitsmarkt finden. All das birgt soziale Spannungen.

Wenn es um die Lösung dieser sozialpolitischen Probleme im Rahmen der Digitalisierung geht, wird es seltsam. Eine ungewohnte Troika aus linken Sozialromantikern, rechten Apologeten und milliardenschweren Silicon-Valley-Mozarts preist gleichermaßen das bedingungslose Grundeinkommen als pauschale Lösung für diese digitalen Umbrüche mit noch unbekanntem Ausmaß an. Genau das sollte stutzig machen.

Die Idee, dass jedes Mitglied einer Gesellschaft die gleichen finanziellen Zuwendungen erhält, unabhängig von Alter, Beruf, Vermögen, Wohnort und Familiengröße, stößt weltweit auf großes Echo. Obwohl die Idee bisher nur in nicht verallgemeinerbaren Modellversuchen getestet wurde und unüberschaubar viele Ansätze existieren, polarisiert sie wie kaum ein anderes Projekt. Es klingt ja wahrlich nicht schlecht, dass jeder Bürger vom Staat Geld bekommt, von dem er theoretisch leben kann.

Es würde den Zwang zur Arbeit abschaffen, der in einem kapitalistischen System immanent ist, träumen linke Befürworter. Menschen dürfen arbeiten, wenn sie wollen. Müssen aber nicht. Niemand müsste mehr eine prekäre Arbeitsstelle annehmen, um seine Familie zu ernähren. Firmen müssten ordentliche Löhne bezahlen, um Arbeitskräfte anzulocken. Es könnte Armut lindern und das mit der Soziahilfe verbundene Stigma der Almosen entkräften. Das wäre eine sozialpolitische Revolution.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-27 17:06:31
Letzte Änderung am 2018-04-28 13:10:14



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