• vom 12.06.2018, 07:00 Uhr

Politik


Asylpolitik

Lehrlinge verzweifelt gesucht




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Grundsätzlich dürfen Asylwerber so gut wie keiner Arbeit nachgehen (siehe Wissen). Bis zum Alter von 25 Jahren dürfen sie jedoch in Lehrberufen, in denen Mangel besteht bzw. in Mangelberufen eine Ausbildung beginnen - vorausgesetzt, es findet sich sonst niemand für diese Stelle. Diese Ausnahme basiert auf einem Erlass des Sozialministeriums aus dem September 2015. Damals war Rudolf Hundstorfer (SPÖ) Sozialminister. Es war der Herbst, in dem zehntausende Flüchtlinge nach Österreich strömten. Die Regierung wollte "vorausschauende Asylpolitik" betreiben. Die neue Regierung fährt im Gegensatz dazu jedoch einen harten Kurs. Ausbildung schützt nicht vor Abschiebung.

Die Unsicherheit ist groß - auch bei der Weberei Vieböck im Mühlviertel. Dort werden seit 180 Jahren Leinen- und Baumwollstoffe gefertigt. Ein Traditionsbetrieb, der jedoch zunehmend vom Fortbestand bedroht ist. "Wir haben die letzten fünf Jahre überhaupt keine ernsthafte Bewerbung bekommen", beklagt Geschäftsführer Johann Kobler. Das AMS war bemüht, Fachkräfte zu vermitteln, doch die Qualität der Bewerber war laut Kobler weit unter brauchbarem Niveau.

Bis Javad Mirzayee kam. Seinen Betreuern fiel im Asylheim auf, dass er technisch begabt ist. Er kam zum Schnuppern in den Betrieb. Der erste Eindruck war positiv. Javad wurde 2016 angestellt. Der junge Afghane lernt derzeit im zweiten Lehrjahr in der Leinenweberei. Die Berufsschule hat er bereits positiv abgeschlossen. "Ziemlich gut sogar", wie Kobler stolz erzählt. "Er hat sich in die Firma völlig integriert." Er spricht Deutsch auf B2-Niveau und spielt im örtlichen Fußballverein. Integration, wie sie so häufig gefordert wird. Ob er die Ausbildung jedoch abschließen kann, ist ungewiss. Sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt. Kobler könnte einen Arbeiter verlieren. "Wir sitzen auf Nadeln", sagt er.

Deutsche "3+2-Regelung"
in Österreich nicht geplant

Die Lösung für das Dilemma sehen Anschober und Schellhorn in der deutschen "3+2-Regelung". Für Asylwerber besteht in Deutschland seit August 2016 die Möglichkeit, Anspruch auf Aufenthalt zu bekommen, wenn sie eine Berufsausbildung machen. Flüchtlinge können eine dreijährige Ausbildung absolvieren und danach zwei Jahre im erlernten Beruf beschäftigt werden. In dieser Zeit dürfen sie nicht abgeschoben werden. Gefordert haben dies in Deutschland die Arbeitgeber, um Rechtssicherheit zu haben. "Das Feedback der Unternehmen ist sehr positiv", sagt Katharina Toparkus von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Belastbare Zahlen, auf wie viele Asylwerber diese Regelung zutrifft, gibt es laut deutschem Innenministerium keine. Zum Vergleich: In Hamburg, einer Stadt von der Größe Wiens, machen insgesamt 738 Asylwerber eine Ausbildung. 113 von ihnen unter der "3+2-Regelung". Das System schafft Rechtssicherheit für die Unternehmen und die Asylwerber.

Wäre dies nicht auch für Österreich eine vorstellbare Regelung? "Eine 3+2-Regelung wie in Deutschland ist aktuell für Österreich kein Thema", lässt eine Sprecherin von Sozialministerin Beate Hartinger-Klein auf Anfrage wissen. Sie verweist auf die klaren Regelungen, nachdem Lehrlinge bei negativem Asylbescheid rückgeführt werden. Dabei ist im Regierungsprogramm noch von der "Schaffung eines Niederlassungstitels zur Absolvierung der Lehrausbildung" die Rede. Bis jetzt wurde dies noch nicht umgesetzt. Auch in der Fremdenrechtsnovelle ist davon nichts zu finden.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-11 15:34:20
Letzte Änderung am 2018-06-11 16:17:46



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