• vom 14.06.2018, 17:10 Uhr

Politik


Schlepper-Prozess

"Habgier, Angst, Affekt"




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Von Kathrin Lauer

  • Katastrophe von Parndorf: 25 Jahre Haft für die vier Hauptangeklagten. Staatsanwalt und Verteidigung wollen berufen.



Kecskemet. Wer den Richter János Jádi während der vielen Verhandlungstage dieses Mammutprozesses erlebt hat, konnte sicher sein, dass er die in Ungarn mögliche Höchststrafe nicht verhängen würde. Aber dass das Urteil so milde ausfallen würde gegen die vier Männer, die den Tod von immerhin 71 Flüchtlingen zu verantworten haben, war für die Prozessbeobachter doch überraschend: Jádi verurteilte die vier Hauptangeklagten zu jeweils 25 Jahren Haft. Das bedeutet, dass die fast drei Jahre Untersuchungshaft abgezogen werden und dass es die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung gibt.

Alle Vier sind demnach gleichermaßen schuld daran, dass die Flüchtlinge - darunter vier Kinder - in dem Kühllaster erstickt sind, der in der Nacht zum 27. August 2015 von der serbisch-ungarischen Grenze nach Österreich fuhr und in Parndorf von den Schleppern stehengelassen wurde. Der Staatsanwalt Gábor Schmidt hatte für alle Vier lebenslänglich beantragt: Der als Drahtzieher geltende Afghane, sein bulgarischer Stellvertreter, der Fahrer des Todeslasters und der Späher. Jádi, ein gemütlicher, besonnener und gegenüber den Journalisten stets hilfsbereiter Mann, stellte wohl fest, dass die Reisenden in dem Kühllaster qualvoll gestorben sind. Doch er merkte an, dass diese freiwillig eingestiegen waren und sich dessen bewusst sein mussten, dass die Reise nicht angenehm werden würde. Die vier Haupttäter seien "durch Unterlassung" für den Tod der Passagiere verantwortlich.


Wechselseitige Abhängigkeit
Sie haben es unterlassen, die Tür des luftdicht verschlossenen Kühllasters zu öffnen, obwohl die Flüchtlinge durch Schreien und Klopfen auf ihre akute Not aufmerksam gemacht hatten. Eine Tötungsabsicht lag nach Lesart des Richters nicht vor, deswegen ist ihre Tat auch kein Mord. Ob die Gruppe einen Chef gehabt habe oder nicht, sei in diesem Fall irrelevant, weil alle Aktionen "aufeinander aufgebaut" haben.

Alle Täter waren im Zusammenhang mit dem tragischen Vorgang voneinander abhängig. Vor allem aber sei jener brutale Satz des Afghanen, den der Staatsanwalt als Tötungsbefehl interpretiert, nicht als solcher zu werten. Der Afghane hatte während dieser Todesfahrt seinem Vize am von den Behörden abgehörten Telefon gesagt: "Sollen sie doch sterben", mit Bezug auf die Reisenden im Kühllaster. Laut Urteil des Richters war dieser Satz nicht ernst gemeint, sondern einzig und allein das Resultat einer nervösen Reaktion des Afghanen - auf die nervösen Signale des Fahrers, der überzeugt war, dass die Polizei schon hinter diesem Transport her sei. Stehenbleiben und die Tür des Lasters zu öffnen hätte aus der Sicht der Schlepper bedeutet, die Flüchtlinge und den Fahrer der Polizei preiszugeben.

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Dokument erstellt am 2018-06-14 17:16:24



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