• vom 20.06.2018, 06:25 Uhr

Politik


Vor Gericht

Der gefallene Liebling




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Innerparteilich brodelt es jedoch. Die FPÖ demontiert sich beim Putsch in Knittelfeld 2002 selbst, Grasser verlässt die Partei. Schüssel landet einen Coup, indem er Grasser als Parteifreien in sein Team holt. Die Nationalratswahlen 2002 gewinnt die ÖVP auch dank der Popularität von Grasser, der viele Ex-FPÖ-Wähler dazu bringt, das Kreuzerl bei den Schwarzen zu machen, haushoch.

In der Regierung Schüssel II wird Grasser erneut Finanzminister. Zugleich taucht aber eine Hürde auf. 2003 wird bekannt, dass Grasser sich von der Industriellenvereinigung über den "Verein zur Förderung der New Economy" für 283.000 Euro eine PR-Website sponsern ließ. Mehrmals wird überprüft, ob der Minister dafür korrekterweise keine Steuern gezahlt hat. Die Behörden sehen kein Fehlverhalten, die schiefe Optik bleibt jedoch. Grasser gerät kurz ins Taumeln, fällt aber nicht.

Auch weitere Vorfälle, wie etwa die Jachtreise, die er 2005 mit den Bankern Wolfgang Flöttl und Julius Meinl unternimmt, beenden seine Karriere nicht. Ganz im Gegenteil, sein Aufstieg geht weiter. Seine Hochzeit mit Fiona Swarovski wird zum Großevent. Grasser glänzt am internationalen Parkett, im deutschen Fernsehen ist er ein begehrter Gast, 2006 tritt er in "Wetten, dass..?" auf. Die Initialen KHG werden zum Markenzeichen. Knackige Sprüche wie "Ein guter Tag beginnt mit einem sanierten Budget" schlagen ein.

Nach der überraschenden Niederlage der ÖVP bei der Nationalratswahl 2006 nimmt Schüssel den Hut. Doch wer soll unter Alfred Gusenbauer (SPÖ) Vizekanzler werden? Natürlich der beliebte Grasser, meinen Schüssel und andere ÖVP-Granden. Letztlich wird die Bestellung aber von Andreas Khol, Obmann des ÖVP-Seniorenbundes, unter Verweis auf Grassers mangelnde christlich-soziale Prägung verhindert.

Die Stimmung kippt
Er zieht sich aus der Politik zurück. Investmentbanken wie Goldman Sachs und Citigroup sind an ihm interessiert. Doch aus der internationalen Finanzkarriere wird nichts. Inwiefern das auch an den Fotos im Society-Magazin "Vanity Fair" liegt, die Grasser mit nacktem Oberkörper zeigen, ist ungewiss. Er bleibt jedenfalls in Wien, arbeitet etwa im PR-Sektor, wird Manager bei Meinl International Power und bleibt im Medienfokus.

Doch 2009 wendet sich das Blatt. Die ersten Vorwürfe in der Causa Buwog tauchen auf. Die Stimmung kippt. Gerade noch das Liebkind der Presse, stürzt sich diese nun auf ihn. Der Shootingstar wird zum Geschmähten. Spottlieder ergießen sich über ihn. Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall: Das alte Sprichwort trifft hier mit Wucht zu. Auf Triumph folgt Tragik.

In den folgenden Jahren verwirrt sich das Knäuel der Korruptionsvorwürfe zunehmend. Anfangs bezieht Grasser noch Stellung. Er sieht sich als Opfer von Neidern und einer Politjustiz. Auch die Medien, in deren grellem Licht er sich zuvor noch gerne sonnte, greift er an. Zuletzt macht er sich rar. Im Rampenlicht steht Grasser wieder, seit im Dezember 2017 die Hauptverhandlung im Buwog-Prozess begonnen hat. Und trotz der Wendungen bleibt sich Grasser in einem Punkt treu. Er inszeniert sich.

Vor dem Verhandlungsbeginn nimmt Grasser nicht, so wie die anderen Angeklagten, auf der Anklagebank Platz. Stattdessen stellt er sich zur Wand hin. Nur aufrecht stehend lässt er sich fotografieren. Erst wenn die Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen haben, setzt er sich hin. So sind sie zwar alle seinetwegen gekommen. Doch das eine Fotomotiv, das bekommen sie nicht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-19 15:40:38
Letzte Änderung am 2018-06-19 15:48:39



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