Rom. Die Hilfsorganisation SOS Mediterranee beendet den Einsatz im Mittelmeer mit dem Flüchtlingsrettungsschiff "Aquarius". Der Entscheidung sei "eine Reihe von gezielten politischen Angriffen auf die lebensrettende Arbeit der Hilfsorganisation" vorausgegangen, teilte die Organisation am Donnerstagabend in Berlin mit.

Allerdings wolle man mit einem anderen Schiff "sobald wie möglich" zu neuen Einsätzen ausfahren, um Migranten zu retten. Die von Ärzte ohne Grenzen (MSF) und SOS Mediterranee gemeinsam betriebene "Aquarius" liegt derzeit im französischen Marseille vor Anker. Zweimal wurde dem Schiff die Flagge entzogen. Zuletzt warfen italienische Behörden der NGO vor, illegal Müll in Italien entsorgt zu haben, und drohten mit der Beschlagnahmung des Schiffs. Die italienische Regierung hat die Häfen des Landes für Seenotretter weitgehend dicht gemacht.

"Wir haben den Höhepunkt der Kriminalisierung von humanitärer Hilfe auf See erreicht. Dass wir jetzt dazu gezwungen sind, den Betrieb der Aquarius einzustellen, während europäische Mitgliedsstaaten ihrer Verantwortung, Menschen im Mittelmeer zu retten, nicht gerecht werden, ist ein Armutszeugnis für Europa", sagte Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS Mediterranee Deutschland.

Mutige Reederei gesucht

Nun sollten Möglichkeiten für ein neues Schiff ausgelotet werden. Man sei "auf die Initiative von mutigen Reedereien angewiesen, die bereit sind, ein Zeichen der Solidarität" zu setzen.

Zuvor hatte bereits die Tageszeitung "Der Standard" berichtet, dass Ärzte ohne Grenzen den Betrieb der "Aquarius" einstelle. Die "Aquarius" war seit Februar 2016 im Einsatz und hat etwa 30.000 Migranten im Meer gerettet. Weltweit Beachtung fand die Blockade des Schiffs im Sommer mit Hunderten Migranten an Bord. Damals ließ der italienische Innenminister Matteo Salvini das Boot nicht in Italien anlegen. Es musste nach Spanien ausweichen.

Salvini zufrieden

Für Salvini bedeutet das Ende des Einsatzes des Flüchtlingsrettungsschiff "Aquarius" "weniger Migrantenabfahrten, weniger Landungen und weniger Tote. Weiter so", schrieb Salvini auf Facebook am Freitag.

In den ersten sechs Monaten Amtszeit der Regierung Conte ist die Zahl der über das Mittelmeer eingetroffenen Migranten stark rückgängig. Zwischen 1. Juni und 30. November 2018 seien 9581 Migranten angekommen, das sind 83 Prozent weniger gegenüber dem Vergleichszeitraum 2017, geht aus Angaben des Innenministeriums in Rom hervor. Die Zahl der aus Libyen eingetroffenen Migranten ist sogar um 92 Prozent gesunken.

49.636 Asylanträge wurden 2018 in Italien eingereicht, 60 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. 86.446 Asylanträge wurden geprüft. In 7 Prozent der Fälle sei den Migranten Flüchtlingsstatus gewährt worden, in 23 Prozent der Fälle humanitärer Schutz. 66 Prozent der Asylanträge wurden abgelehnt.

In den vergangenen sechs Monaten wurden 2774 Migranten, die sich illegal in Italien aufhielten, in ihre Heimat abgeschoben. 32 Prozent von ihnen wurden nach Tunesien, 21 Prozent nach Albanien und 13 Prozent nach Marokko zurückgeführt, verlautete es aus dem Innenministerium in Rom. 523 Ausländer seien freiwillig mit der Unterstützung des Innenministeriums in ihre Heimat zurückgekehrt, das sind 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Rahmen des EU-Umverteilungsabkommens wurden bisher 12.723 Migranten von Italien auf andere EU-Länder umverteilt.