Immer wieder umhüllt Smog den Eiffelturm. - © REUTERS
Immer wieder umhüllt Smog den Eiffelturm. - © REUTERS

Paris. Das Schild ist groß genug, um zwischen all den Gerüsten und Absperrungen hervorzuragen. "Paris wandelt sich" steht in weißen Lettern auf hellblauem Hintergrund. Positiv klingt der Slogan, verblüffend fröhlich in der angespannten Atmosphäre, die Frankreichs Hauptstadt stets zur Feierabend-Stunde erfasst. Hupend schieben sich die Autos die Rue Saint-Antoine entlang, die vom Bastille-Platz in Richtung Rathaus führt. Zwischen ihnen quetschen sich Roller und Radfahrer hindurch. Kaum einer dürfte die Erläuterungen über den Zweck der Bauarbeiten auf dem Schild in kleinerer Schrift lesen, selbst wenn die Fahrzeuge im Schneckentempo daran vorbeikriechen. Die Baustelle hingegen sehen und spüren alle. Paris wandelt sich - zum Besseren?

Es wird geschimpft, geflucht, gedrängelt. "Die Staus sind so alt wie die Stadt", sagt deren Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Die 59-jährige Sozialistin hat seit ihrer Wahl im Frühjahr 2014 den Kampf gegen das hohe Autoaufkommen und die damit einhergehende starke Luftverschmutzung ihr Hauptthema gemacht. Sie geht dabei so resolut vor, dass ihre politischen Gegner, die Taxifahrer und die Auto-Lobby-Vereinigung "40 Millionen Autofahrer", von einem "ideologisch motivierten Krieg" sprechen, den Hidalgo gegen die Autos führe.

Sie wiederum verweist auf wissenschaftliche Studien, denen zufolge jedes Jahr 2500 Menschen im Großraum der Stadt an den Folgen der Luftverpestung sterben: "Mein Kampf richtet sich nicht gegen das Auto, sondern gegen die Verschmutzung", sagt Hidalgo. "Es geht um die Änderung unseres Modells."

Der Stickoxid-Anteil in der Pariser Luft übersteigt die EU-weit erlaubten Grenzwerte derart, dass die EU-Kommission im Mai Frankreich und fünf weitere EU-Staaten, darunter auch Deutschland, verklagt hat. Es droht eine Strafe in Millionenhöhe. Regelmäßig versinkt die Hauptstadt in einer regelrechten Smogglocke. Das zog mehrmals wechselweise Fahrverbote nach sich.

Hidalgo setzt langfristige Maßnahmen, die umstritten sind. Seit Juli 2016 dürfen vor 1997 zugelassene Benziner und vor 2001 zugelassene Dieselautos wochentags nicht mehr im Stadtzentrum fahren. In zwei Jahren soll das Fahrverbot auf vor 2011 zugelassene Verbrenner ausgeweitet werden und ab 2024, wenn die französische Metropole die Olympischen Spiele ausrichtet, auf alle Diesel-Fahrzeuge.

Kürzlich hat Hidalgo angekündigt, im Fall ihrer Wiederwahl 2020 das historische Zentrum komplett zur Fußgängerzone zu machen und dort nur noch selbstfahrende Elektro-Shuttles einzusetzen.

Mit diesen Entscheidungen polarisiert sie gewaltig. Zum Sprachrohr ihrer Kritiker haben sich unter anderem die Journalisten Nadia Le Brun und Airy Routier gemacht, die in ihrem Buch "Notre-Drame-de-Paris" ("Unser Drama von Paris") darlegen, wie Hidalgo "das Alltagsleben der zehn Millionen Einwohner des Großraums Paris unerträglich" mache.

Das Rathaus wiederum rühmt sich, die Zahl der Fahrzeuge innerhalb eines Jahres um 4,8 Prozent verringert zu haben. Die Stadt investiert 150 Millionen Euro bis 2020 in einen "Rad-Plan" mit der massiven Erweiterung der Fahrradwege um insgesamt 61 Kilometer und der Subventionierung des Kaufs von Elektrorädern.

Hinzu kommt die Schließung der Seine-Ufer für den Autoverkehr über mehrere Kilometer auf beiden Seiten. Bereits Hidalgos ebenfalls sozialistischer Vorgänger Bertrand Delanoë hatte 2013 einen Teil der linken Uferseite, unterhalb des Musée d’Orsay und fast bis zum Eiffelturm, sperren lassen. Seine Nachfolgerin ging die Schließung von 3,3 Kilometern Straße auf der rechten Seine-Promenade unterhalb des Rathauses, vorbei am Louvre bis zum Concorde-Platz an.

Wo der damalige Präsident Georges Pompidou 1967 stolz diese Schnellbahn als Symbol des rasanten Wachstums eröffnet hatte, herrscht heute wieder verkehrsberuhigte Idylle. Menschen flanieren am Fluss entlang, Kinder turnen an Spielgeräten herum. Doch Autofahrer vor allem aus den Vororten schimpfen, dass nicht an Alternativen wie Park-and-Ride-Plätze vor der Stadt gedacht wurde.

Nachdem ein Verwaltungsgericht im Oktober die Sperrung der Ufer aufhob, weil eine ihr zugrunde liegende Studie zu den Auswirkungen "bewusst" die vorhersehbare Verlagerung des Verkehrs auf andere Achsen ausgeklammert habe, ging ein neuerlicher Erlass durch, der sich auf den Schutz des Weltkultur-Erbes stützte: Seit 1991 stehen die Pariser Seine-Ufer, die jährlich 2,4 Millionen Besucher zählen, auf der Unesco-Liste. Die Auszeichnung schließt angrenzende Gebäude-Ensemble und Parkanlagen mit ein - Bestandteile einer Stadt, die altehrwürdig ist und sich doch wandelt. Und das mehr, als es manchen lieb ist.