Wien. Dick eingepackt in eine graue Daunenjacke, in Jeans und weißen Turnschuhen betritt Madeline Alizadeh die liebevoll eingerichtete Greißlerei im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Sofort wird sie von der Angestellten hinter der Theke begrüßt - Alizadeh, besser bekannt unter ihrem Online-Synonym Dariadaria, ist in Lunzers Maß-Greißlerei keine Unbekannte. Auch Andrea Lunzer, die Inhaberin der Greißlerei, in der Kunden Bio-Lebensmittel maßgenau und mit eigenen Gefäßen einkaufen können, begrüßt Alizadeh freundschaftlich und zeigt ihr die neuesten Errungenschaften.

Alizadeh trifft sich mit der "Wiener Zeitung" in der Greißlerei, um über die Nachhaltigkeitspolitik der Europäischen Union (EU) zu sprechen. Die Influencerin und Aktivistin wurde 2018 gleich zwei Mal ins Europäische Parlament eingeladen, um einen anderen Blick auf das Parlament zu geben und die Menschen wieder ein wenig für Umweltthemen zu interessieren. Auch abseits vom Parlament macht sich die Bloggerin stark für Nachhaltigkeit und Umweltschutz - Themen, die die europäische Politik aufgreift und versucht, publik zu machen.

Und tatsächlich nicht ohne Grund. Der Lebensmittelsektor in der EU, vom Anbau bis hin zur Verpackung und dem Transport, ist ein "irrsinnig ineffizientes System", so Alizadeh, "viele von den produzierten Lebensmitteln werden vor dem Verkauf schon aussortiert und kommen gar nicht in den Handel, und von denen, die in den Supermärkten landen, wird wieder die Hälfte weggeschmissen."

Wegwerf-Champion Niederlande

Laut Daten des Projekts "Fusion" aus dem Jahr 2012 werden in der EU in der gesamten Wertschöpfungskette 88 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeworfen, das sind durchschnittlich 173 Kilogramm pro Person. In Österreich werden jährlich 209 Kilogramm Lebensmittel pro Person weggeworfen, Spitzenreiter im Wegwerfen ist die Niederlande mit 541 Kilogramm Lebensmittelabfällen pro Kopf. 53 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel stammen von Privathaushalten, 19 Prozent entstehen in der Lebensmittelverarbeitung, 12 Prozent in der Gastronomie, 11 Prozent in der Produktion und nur 5 Prozent werden im Einzelhandel entsorgt. Bei der Erzeugung und Beseitigung dieser Lebensmittelabfälle werden in der EU 170 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Zahlen, die zeigen, wie dringend das Problem ist.

Die hohe Lebensmittelverschwendung in der EU soll laut Forderungen des Parlaments bis 2025 um 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2014 gesenkt werden. Das Wiener Cateringservice "Iss mich!" von Tobias Judmaier zeigt, wie das gehen kann. Der Betrieb verkocht Gemüse, das nicht der Norm entspricht, also krumm oder zu klein ist, und deshalb vor dem Verkauf aussortiert wird: "Allein von der Ernte bis zum Supermarkt passen 30 bis 40 Prozent vom Feldgemüse nicht in die Norm und fallen quasi aus dem System raus. Das ist natürlich eine große Menge. Und wenn man sich jetzt darüber bewusst ist, dass die Landwirtschaft der größte CO2-Produzent ist, noch weit vor dem Verkehr, ist es natürlich ein Wahnsinn, dass wir hier nicht effizienter das Gemüse verwenden können", erklärt Judmaier.