Warschau/Wien. Der polnische Erzbischof Stanislaw Gadecki hat sich mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch Geistliche getroffen. Er habe vor einigen Wochen Betroffene, die als Kinder oder Jugendliche missbraucht worden seien, zu Gesprächen eingeladen, erklärte der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz. 28 von ihnen hätten einem Treffen zugestimmt.

Tausende Missbrauchsfälle in Europa, den USA, Australien und Chile hatten die katholische Kirche in den vergangenen Jahrzehnten tief erschüttert. In zwei Wochen findet im Vatikan eine Konferenz zum Thema Kindesmissbrauch statt. Papst Franziskus hatte die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen im Dezember aufgerufen, sich im Vorfeld persönlich mit Opfern sexueller Gewalt treffen.

Schönborns Systemkritik

Kardinal Christoph Schönborn hinterfragt in der aktuellen Missbrauchsdebatte die kirchlichen Strukturen und betont die Gefahr, dass sich ein Pfarrer vermeintlich mehr leisten dürfe als andere. Gleichzeitig berichtet er in einer Dokumentation des "Bayerischen Rundfunks", selbst Opfer eines Übergriffs gewesen zu sein. Der Wiener Erzbischof spricht von einem Pfarrer, der in seiner Jugend versucht habe, ihn zu küssen. Auch habe er abfällige Sprüche gegenüber Nonnen vernommen.

Grundsätzlich hält Schönborn fest, dass es Strukturen und Systeme gebe, die Missbrauch begünstigten: "Der Priester ist sakral, ist unberührbar, der ist Herr Pfarrer. Wenn dieses Priesterbild vorherrscht, ist natürlich Autoritarismus die ständige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles. Es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen." Die gesamte Missbrauchs-Debatte werde die Frage der Frau in der Kirche in ein neues Licht stellen. Schönborn sei hoffnungsvoll, dass ein "Heilungsprozess" die Kirche wirklich erneuere.