Paris/Hamburg. Er war der Marathonläufer der Modewelt, ihr Tausendsassa und ihr wohl populärstes Gesicht. Karl Otto Lagerfeld, Urgestein des Pariser Chic, ist tot. Mehr als 50 Jahre lang entwarf Deutschlands wichtigster Mode-Export Kleider für die größten Modehäuser, darunter auch den Italiener Fendi. Seit 1983 leitete er die kreativen Geschicke von Chanel.

Daneben verfolgte der Wahlfranzose stets weitere Projekte, zeichnete Karikaturen, fotografierte, designte Inneneinrichtungen und gab sogar eine Zeitung "Karl Daily" heraus. Lagerfeld war nicht nur ein Stardesigner, er war der letzte Pariser Modezar.

Zwischen 1935 und 1938

Wann Lagerfeld geboren wurde, war zeit seines Lebens unklar. Der Meister selbst, den die Zeitschrift "L'Express" als "letzten Dandy von Paris" bezeichnete, schwankte immer wieder zwischen 1935 und 1938. Das deutsche "Munzinger"-Archiv zählt auch 1933 auf. Irgendwann bestand der Designer auf dem Jahr 1935 - die anderen Zahlen seien Angaben seiner Mutter. Als sicher gilt der Geburtstag am 10. September.

Die Ideen gingen ihm nie aus. Sein größter Coup jedoch war die Umgestaltung der eigenen Person zu einer Art Gesamtkunstwerk. Mit Sonnenbrille, weißgepudertem Zopf, dunkler Krawatte und dem typischen hohen "Vatermörderkragen" erkannte ihn gleichsam jedes Kind. Diese Montur bot zugleich eine undurchdringliche Fassade, hinter der er sich verstecken konnte. Er selbst spottete gerne über die eigene Erscheinung. Überhaupt liebte Lagerfeld Ironie.

"Ich kenne Strass, aber keinen Stress." Viele Bonmots und Spitzen beweisen Lagerfelds Schlagfertigkeit. Über Freizeitkleidung: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Über Günter Grass (1927-2015): "Er sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen." Über Heidi Klum: "Die war nie in Paris, die kennen wir nicht."

Großen Wirbel löste 2017 Lagerfelds Kritik an Angela Merkel aus. Die deutsche Kanzlerin habe eine Million zusätzliche Flüchtlinge aufgenommen, "um sich ein charmantes Image zu geben". Merkel habe mit der Flüchtlingspolitik einen großen Fehler gemacht. "Man kann nicht, selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, Millionen Juden töten, um danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde kommen zu lassen."

Auch wenn Lagerfeld immer wieder öffentlich im Mittelpunkt stand und sich als "egoistisch" bezeichnete – egozentrisch wirkte er trotz des extravaganten Auftretens nie. Wer ihm persönlich begegnete, erlebte einen aufgeschlossenen Menschen, der Tageszeitungen konsumierte wie andere Zigaretten und stets ausgezeichnet über das aktuelle Geschehen unterrichtet war. Zudem besaß er etwa 300.000 Bücher und konnte trotz der Menge aus dem Kopf sagen, ob er einen bestimmten Titel schon hatte oder nicht. "Stets dem Leben zugewandt" schien seine Devise zu sein.