Warschau. Anna Misiewicz kämpft mit sich. Die etwa vierzigjährige Polin sitzt auf einem Stuhl in einem dunklen, schwarzen Raum. Die Scheinwerfer sind auf sie gerichtet. Die Blondine mit den schulterlangen Haaren atmet schwer durch, muss Pausen einlegen. Das Erzählen fällt ihr nicht leicht - lange, viel zu lange hat sie geschwiegen.

Gegenüber der Diözese von Kielce hat sie ihre Geschichte zwar schon erzählt. Aber dort hatte sie sich auch unter Eid verpflichten müssen, ihre Erlebnisse vertraulich zu behandeln und mit niemandem darüber zu reden. Feierlich verpflichten müssen beim allmächtigen Gott, der Heiligen Dreifaltigkeit und dem Evangelium.

Diesen Eid hat Misiewicz nun gebrochen. "Sag es nur niemandem" heißt ein Film, in dem die Frau, die als Siebenjährige in einer katholischen Pfarre in Polen Küchenarbeiten verrichtete, gemeinsam mit anderen Missbrauchsopfern von ihrem schweren Schicksal erzählt. Davon, wie sie, da sie gut gearbeitet hatte, vom Priester vermeintlich für bessere Arbeiten ausersehen und in den ersten Stock gerufen wurde. "Ich erinnere mich an seine Schuhe. Es waren schwarze Lederschuhe, sie verursachten kaum Lärm. Man hörte nicht, ob der Priester über die Stufen ging oder nicht. Ob er nach oben stieg oder schon unten war."

Misiewicz atmet kurz durch. "Er sagte mir, ich sei etwas Besonderes." Dann begann das Martyrium. Zuerst versperrte der Priester den Raum. Dann wandte er sich seinem siebenjährigen Opfer zu. "Er berührte meinen Brustbereich. Dann nahm er meine Hände und befriedigte sich damit selbst. Er küsste mich auch", berichtet Misiewicz in dem Film.

"Nicht diese Hand"

Die Taten des Priesters haben ihr Leben überschattet: Bis heute kann sie deshalb oft nicht schlafen, hat Angststörungen. Vor Milch ekelt sie sich - der Priester trank oft Milch, bevor er sie küsste, der Geschmack blieb in ihrem Mund. Letztlich findet Misiewicz in "Sag es nur niemandem" den Mut, ihren Peiniger mit seinen Taten zu konfrontieren: Der emeritierte Priester, der in einer kirchlichen Einrichtung lebt, weiß nicht, was er sagen soll. Er sucht Ausreden, gibt sich aber auch selbstkritisch und zerknirscht, bittet um Vergebung. Als er seinem ehemaligen Opfer die Hand reichen will, lehnt Misiewicz entsetzt ab: Nicht diese Hand. Nicht noch einmal.

Mit "Sag es nur niemandem" hat der Regisseur Tomasz Sekielski in Polen in ein Wespennest gestochen. Unfassbare 16 Millionen Menschen - man wird annehmen dürfen, hauptsächlich Polen - haben die Dokumentation über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche in Polen mittlerweile angeklickt. Zwar ist dieses Thema auch in Polen kein komplett neues - bereits im Herbst löste der Film "Kleriker" eine breite Missbrauchsdebatte in dem tiefkatholischen Land aus.