Modena. Als sie aus dem Gate kommt, liegt noch ein Lächeln auf dem Gesicht von Amanda Knox. Dann, mit jedem Klick der Fotoapparate, verschwindet es zusehends. Acht Jahre nach ihrer Freilassung aus der Haft ist die einst als Mörderin angeklagte US-Amerikanerin erstmals wieder nach Italien gekommen. Am Samstag nimmt sie als Rednerin im norditalienischen Modena an einem Kongress über Justizirrtümer teil. "Festival der Strafjustiz" lautet der eigentümliche Name der Veranstaltung. Von Feierlichkeit ist bei der Ankunft der 31-Jährigen aus Seattle zunächst keine Spur.

Am Donnerstag landete Knox am Flughafen Linate bei Mailand, bereits ihre Ankunft war ein Medienevent. Dutzende Journalisten begleiteten sie bei dem Spießrutenlauf. Sie drängen sich an die junge Frau, die von 2007 bis 2011 in einem italienischen Gefängnis saß, weil sie des Mordes an der 20-jährigen britischen Austauschstudentin Meredith Kercher in Perugia verdächtigt worden war.

Amanda Knox, die langen Haare zusammengesteckt, beiges Jackett, graue Hose, blauer Rucksack, wirkt verstört. Nichts wirkt glamourös am "Engel mit den Eisaugen". So hatten Boulevardmedien die Amerikanerin genannt. Die Reporter laufen neben ihr her. "Wie geht es, Amanda?", fragt einer. "Freust du dich, in Italien zu sein?" Knox blickt verstört zu Boden, sie hält ihre Hand zum Schutz vor das Gesicht und läuft zügig zu einem Wagen weiter, der sie nach Modena bringen wird.

Die Bilder vermitteln: Sie ist jetzt das Opfer

Zwei Zivilpolizisten begleiten sie, zudem die Anwälte, ihre Mutter und ihr Freund Christopher Robinson. Er versucht, die Journalisten beiseite zu scheuchen. Im Auto legt er den Arm um seine Freundin und hält seine Hand vor ihr Gesicht. Knox wirkt wie traumatisiert. Die Bilder vermitteln: Sie ist jetzt das Opfer.

Der Fall Knox, der eigentlich Fall Kercher heißen müsste, ist ein menschengemachtes Drama. In der Halloween-Nacht 2007 wird Kercher in der Studentenstadt Perugia ermordet. Die Polizei findet sie am nächsten Tag in der Früh mit 47 Messerstichen und Spuren sexueller Gewalt in der Wohnung auf, die Kercher mit ihrer Mitbewohnerin Knox teilte. Die Amerikanerin und ihr italienischer Liebhaber Raffaele Sollecito wurden wegen Mordes zu 26 und 25 Jahren Haft verurteilt. Die Ermittler vermuteten ein außer Kontrolle geratenes Sex-Spiel.

Knox, die zunächst einen unbeteiligten Barbesitzer als Täter beschuldigte, kam in Haft. 2011 wurde sie entlassen, 2015 von Italiens höchstem Gericht definitiv freigesprochen. Anfang des Jahres sprach ihr der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine Entschädigung in Höhe von 18000 Euro zu. Der italienische Staat muss zahlen, weil die Justiz Anschuldigungen nicht nachgegangen ist, denen zufolge Knox von der Polizei geschlagen und unter Druck gesetzt worden war.

Soll sie der Auftritt in Modena nun auch in der italienischen Öffentlichkeit rehabilitieren, die ihr lange Zeit ebenso feindlich wie fasziniert gegenüber stand? Der Titel ihres Vortrags am Samstagmorgen zum Thema "Der mediale Strafprozess" ist bereits Programm. Wie fühlt es sich an, wenn die Öffentlichkeit, angestachelt von den Medien, ein Parallelverfahren führt über Schuld, Verantwortung und Gefühle?

Knox trat nach ihrer Rückkehr in die USA in Talkshows auf, sie arbeitet als Journalistin und schrieb eine Biografie, die Vorlage für einen Dokumentarfilm wurde. Sie nutzt die Medien, die sie selbst als "skrupellos" bezeichnet. "In all den surrealen Momenten meines extrem surrealen Lebens habe ich die Kraft gefunden, den Vortrag vorzubereiten, den ich vor einem potenziell feindlichen Publikum halten werde", schrieb Knox vor ihrer Reise. Die 31-Jährige verkörpert einen Zwiespalt: Sie ist Opfer der Öffentlichkeit, gibt sich dieser aber immer wieder freiwillig preis. Auch jetzt.

Die Ermordete gerät in Vergessenheit

Die Familie des eigentlichen Opfers Meredith Kercher gerät dabei fast in Vergessenheit. Die Angehörigen haben weiterhin keine Gewissheit. Wegen Beihilfe zum Mord an Kercher wurde 2009 Rudy Guede zu 16 Jahren Haft verurteilt. Der Ivorer ist im Gefängnis, weist die Anschuldigungen aber von sich. Auch deshalb steht Knox weiter im Fokus. Francesco Maresca, Anwalt der Familie Kercher, bezeichnete den Auftritt von Knox in Modena als "unpassend". Sie solle sich mit ihrem Freispruch zufrieden geben, ohne Konsens in der Öffentlichkeit zu suchen.