Bern/Wien. Saubere Straßen, glatte Oberflächen, das Leben läuft pünktlich und aufgeräumt ab. So kennt man die Schweiz. Auch weil sich die Schweiz gerne selbst so inszeniert.

Dazu passt auch die Arbeitsmoral: Streiks sind in der Schweiz extrem selten. Allerdings erst seit dem Jahr 1937, als in der Schweizer Metall- und Maschinenindustrie ein "Friedensabkommen" unterzeichnet worden war: Während der Rest Europas mit dem zunehmenden Faschismus zu kämpfen hatte, legte die Schweiz damit die absolute Friedenspflicht unter Arbeitnehmern fest. Sie gilt als "Pioniertat mitten in der Wirtschaftskrise", welche die "Basis für die wirtschaftliche Prosperität" gebildet habe, beschreibt es das Schweizerische Sozialarchiv.

Auch gegen Gewalt an Frauen wurde protestiert.  - © afp/Wermuth
Auch gegen Gewalt an Frauen wurde protestiert.  - © afp/Wermuth

In der Schweiz ist man stolz darauf. Das gehört zur viel zitierten "Swissness" der Schweizer dazu. Und so grenzt es fast an einen Affront, dass die Frauen in der Schweiz diesen Freitag zum Streik aufgerufen haben - für gleiche Bezahlung, volle Gleichberechtigung und Null-Toleranz für sexuelle Gewalt. Oder in drei Worte zusammengefasst, so wie das Streikmotto: "Lohn. Zeit. Respekt."

Das Umdrehen jeder Minute

"Stadt im Streik" heißt es in Genf. Foto:  - © reuters/Denis Balibouse
"Stadt im Streik" heißt es in Genf. Foto:  - © reuters/Denis Balibouse

Unerhört, finden so manche. Ein Streik an einem Arbeitstag! Und das, obwohl es ein Streik light ist: Denn der Aufruf an die arbeitenden Schweizerinnen war ohnedies, erst am Freitagnachmittag um 15.24 Uhr die Arbeit niederzulegen. Wie kam man auf diese Uhrzeit? "Frauen verdienen in der Schweiz ein Fünftel weniger als Männer, auf einen achtstündigen Arbeitstag gerechnet bedeutet das: Ab 15.24 Uhr arbeiten Frauen gratis", erklärt die Organisatorin Corinne Schärer in einem Interview mit der "Süddeutschen". Davon, dieses Fünftel weniger auf die gesamte Woche hochzurechnen - und dann gleich einen ganzen Tag die Arbeit zu bestreiken - davon scheint in der Schweiz niemand zu träumen zu wagen. Und sogar hier hat der Schweizer Arbeitgeberverband gedroht, Teilnehmerinnen müssten mit etwaigen Konsequenzen rechnen, wenn sie mitstreiken.

Das kann Organisatorin Schärer nur verwundert zur Kenntnis nehmen: Sie vergleicht den Streikbeginn mit einer "verlängerten Mittagspause" oder einem "einmaligen Feierabend": "Wenn man heute noch aus allen Rohren schießen muss, dann hat man ganz offensichtlich ein Problem mit der Gleichstellung", so Schärer. Während die Schweizerinnen laut Lohnstrukturerhebung des Bundes 17,4 Prozent weniger verdienen als die Schweizer, so ist die Lohnschere zwischen Frauen und Männern 2017 in Österreich ähnlich - sie lag laut Statistik Austria bei 19,9 Prozent. Ähnlich sieht es in Deutschland aus.

Der Verdienstunterschied geht oft auf strukturelle Gründe zurück, die wiederum oft familiären Belastungen geschuldet sind: Frauen ergreifen oft schlecht bezahlte Berufe, arbeiten häufig in Teilzeit, haben seltener Führungsposten mit all ihren Privilegien. Oder, wie es eine Schweizer Demonstrantin formuliert: "Ufe mit de Frauelöhn, abe mit de Boni."

Der Streik in der Schweiz setzt sich daher auch für die monetäre Aufwertung von Arbeit ein, die traditionell von Frauen gemacht wird. Dazu gehören etwa Pflegeberufe. Pflegerinnen legten übrigens nicht ihre Arbeit nieder. Der Grund: Sie waren unabkömmlich bei ihren Klienten. So zeigten sie sich nur mit einer Anstecknadel mit den Streikenden solidarisch.

Spätzünder Schweiz

In Bezug auf Frauenrechte gilt die Schweiz als problematisches Land. Das Frauenwahlrecht wurde erst 1971 eingeführt - in Österreich schon ab 1918. Und erst seit 1981 steht in der Schweizer Verfassung: "Mann und Frau sind gleichberechtigt". Im Kanton Appenzell durften Frauen sogar bis 1990 nicht wählen.

Der Frauenstreik am Freitag war erst der zweite nationale Streik von Schweizerinnen. Den ersten gab es im Jahr 1990.

In Österreich war der erste organisierte Frauenstreik im Bereich der Lohnarbeit im Jahr 1893. Der Arbeitsausstand der Textilarbeiterinnen im Gumpendorf dauerte drei Wochen. Auch im späteren Verlauf der österreichischen Geschichte gingen immer wieder Frauen auf die Straße. Anfang des 20.Jahrhunderts gab es zahlreiche Proteste. Doch inzwischen ist es in Österreich still geworden. Während der Frauentag, der 8.März, international sehr wohl für Arbeitsniederlegungen genutzt wird - dieses Jahr legten etwa die Spanierinnen ihr Land lahm - kommt Österreich mit der einen oder anderen Mini-Kundgebung aus.

Wegen der dezentralen, in gewisser Weise typisch schweizerischen Organisation des Aktionstages lagen zunächst keine Überblickszahlen zur Beteiligung in diesem Jahr vor.•