Sopron. Kurz vor 9 Uhr ist es noch ruhig im Gedenkpark an der österreich-ungarischen Grenze. Heurigenbänke werden aufgestellt und Zelte aufgebaut, in der Ferne ragt ein verlassener Wachturm zwischen den Bäumen hervor. Franz und Marianne Barilich sind bisher die Einzigen, die an den Tischen vor dem neu errichteten Museum sitzen. Heute trinken sie hier Kaffee - vor 30 Jahren, am 19. August 1989, waren sie Zeitzeugen eines historischen Ereignisses.

Das "Paneuropäische Picknick" gilt als Meilenstein im Prozess des Falls des Eisernen Vorhangs: Im Rahmen eines Picknicks nahe Sopron wird die Grenze - die damals kein offizieller Grenzübergang, sondern eine Barriere aus Stacheldraht ist - symbolisch für drei Stunden geöffnet. Schirmherren der Veranstaltung sind der Präsident der Paneuropa-Bewegung, Otto von Habsburg, und der damalige ungarische Staatsminister Imre Pozsgay. 661 DDR-Bürgerinnen und -Bürger, die offiziell in Ungarn Urlaub machen, flüchten dabei in den Westen. Es ist die größte Fluchtbewegung seit dem Bau der Berliner Mauer.

Den Mut der Ungarn werde man in Deutschland nicht vergessen, sagte Merkel zu Orbán. - © reuters
Den Mut der Ungarn werde man in Deutschland nicht vergessen, sagte Merkel zu Orbán. - © reuters

Marianne Barilich und ihr Mann kommen aus Österreich, das Picknick wollten sie sich damals dennoch ansehen. Über Mundpropaganda haben sie davon gehört. Dass sie dort auf hunderte DDR-Bürgerinnen und -Bürger treffen würden, hätten sie nicht gedacht. "Das kann man sich gar nicht vorstellen", sagt Marianne. Sie berichtet von Menschenmassen, die gegen das Tor im Stacheldraht drückten. "Sie kamen aus allen Himmelsrichtungen", erinnert sich Franz Barilich. Viele der Anwesenden waren überrascht - auch die Grenzkontrolleure.

Zeitzeugen: Franz und Marianne Barilich erinnern sich an die Szenen am 19. August 1989. - © Richter
Zeitzeugen: Franz und Marianne Barilich erinnern sich an die Szenen am 19. August 1989. - © Richter

Die Soldaten sahen einfach weg

Árpád Bella ist damals der leitende Grenzoffizier auf der ungarischen Seite. Er entscheidet sich dafür, keinen Schussbefehl zu erteilen, weigert sich sogar, einen Warnschuss abzugeben. "Er sagte den Soldaten, sie sollen sich einfach umdrehen", erinnert sich Franz Barilich. Damals zunächst von seinen Vorgesetzten gerügt, heute als Held gefeiert, besucht der 77-jährige Árpád Bella auch heuer den Ort seiner wohl wichtigsten Entscheidung.

Der ehemalige Grenzoffizier ist nicht der Einzige, der anlässlich des 30-jährigen Jubiläums an die österreichisch-ungarischen Grenze reist. Premierminister Viktor Orbán sowie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nahmen an einem Gedenkgottesdienst in der Kirche in Sopron teil, nur wenige Kilometer vom Gedenkpark entfernt.