Trotz des Handschlags zwischen den Präsidenten Reuven Rivlin und Andrzej Duda sind sich Israel und Polen uneinig. - © reu/Agencja Gazeta
Trotz des Handschlags zwischen den Präsidenten Reuven Rivlin und Andrzej Duda sind sich Israel und Polen uneinig. - © reu/Agencja Gazeta

Warschau/Tel Aviv. (dpa) Singend ziehen Gruppen junger Juden aus aller Welt durch Krakaus jüdisches Viertel Kazimierz. Zum Gedenken an die sechs Millionen Schoah-Opfer sind tausende von ihnen nach Polen gereist. Von Holocaust-Überlebenden begleitet, wollen sie beim "Marsch der Lebenden" den etwa drei Kilometer langen Weg von Auschwitz nach Birkenau gehen, in das größte ehemalige deutsche Konzentrationslager. Die Organisatoren rechneten am 30. Jahrestag des Marsches mit einem Teilnehmerrekord von 12.000 Menschen.

"Hier zu sein, bedeutet sehr viel für mich", sagt die 18-jährige Michelle aus Panama. Die junge Jüdin ist mit ihrer Schule zum ersten Mal dabei. "Wir kennen die Orte nur aus Filmen und Büchern, aber jetzt, wo wir hier sind, beginnen wir zu verstehen, was unsere Vorfahren erlebt haben."

Die Feierlichkeiten werden allerdings von der jüngsten Diskussion um Polens umstrittenes Holocaust-Gesetz begleitet, das zu Jahresbeginn eine diplomatische Krise zwischen Israel und Polens nationalkonservativer Regierung auslöste. Die Regelung sieht Geld- und sogar Haftstrafen für diejenigen vor, die dem polnischen Staat oder Volk "öffentlich und entgegen den Fakten" die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen des Nazi-Regimes zuschreiben. Polen war von 1939 bis 1945 von NS-Deutschland besetzt.

Einige der jungen Marsch-Teilnehmer reagieren teilweise mit Verständnis. "Die Polen hatten keine Regierung, sie haben nichts getan", meint Michelle. Einer ihrer Kameraden widerspricht, auch Polen hätten vereinzelt Straftaten verübt. "Sie können sich nicht einfach per Gesetz von ihrer Schuld befreien", betont er. Kritik gibt es auch aus dem eigenen Land. "Man kann eine Wahrheit nicht von oben herab per Gericht festlegen", meint Magda, eine Polin jüdischer Herkunft. Sie fügt hinzu: "Es ist eine schlechte Regelung, wir brauchen nicht noch mehr Streit".

Kritiker werfen der polnischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit PiS vor, mit dem Gesetz von Polen begangene Verbrechen an Juden vertuschen zu wollen. Es hagelte Kritik, die Vorschrift verstoße gegen die Redefreiheit. Es wurde auch die Sorge laut, Überlebende könnten nicht ungestraft von negativen Erfahrungen mit Polen erzählen.

Unsicherheit bei Teilnehmern


Die Verunsicherung vieler Teilnehmer bekamen auch die Organisatoren des Marsches zu spüren. Es habe besorgte Anfragen vor der Reise nach Polen gegeben, sagt Elie Klein. "Viele Teilnehmer waren unsicher, welche Folgen das Gesetz haben kann." Abgesagt habe aber keiner. Die Teilnahme am Marsch sei den meisten zu wichtig gewesen.

Bei einer Gedenkveranstaltung im früheren NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau hat Israels Staatschef Reuven Rivlin die Kritik seines Landes am polnischen Holocaust-Gesetz erneuert. "Wir haben tiefen Respekt für die Gewissenserforschung, der sich das polnische Volk unterzogen hat, aber zwischen uns gibt es auch tiefe Uneinigkeit", sagte Rivlin am Donnerstag in einer Rede. Bei der Rede war auch Polens Präsident Andrzej Duda anwesend.

Die polnischen Nationalkonservativen schlossen inzwischen auch Nachbesserungen der Regelung nicht aus. Dies sei von der Beurteilung des Gerichts abhängig, heißt es. Eigentlich wollten sie Polens guten Namen schützen und Ausdrücke wie "polnische Todeslager" unterbinden. Doch die Kritik an dem Gesetz brachte dem Land einen Image-Schaden ein.

Der Ärger auf Polen habe die ansonsten gespaltenen Israelis geeint, sagt die israelische Journalistin Judy Maltz. Sie ist unabhängig vom Marsch in das Land ihrer Vorfahren gereist. "Ob die Israelis die Polen kritisieren oder verteidigen, hängt ganz von den individuellen Erlebnissen ihrer Familien ab", sagt Maltz, deren Großvater von einer Polin gerettet wurde. Die Frau, über die Maltz sogar eine Doku drehte, hielt mehr als ein Dutzend ihrer jüdischen Nachbarn vor den Nazis versteckt.

Maltz hat für das Vorgehen der PiS-Regierung kein Verständnis. "Auch mich macht das Gesetz sauer", sagt sie und zweifelt zudem an seiner Anwendbarkeit. "Dazu müsste man ja alle privaten Gespräche der Menschen beschatten."

In Israel stand anlässlich des Gedenktags am Donnerstagvormittag das öffentliche Leben für zwei Minuten still.