London. Zum zweiten Mal in der Geschichte ihres Landes erhalten die Iren Besuch eines Papstes. Und wieder werden rund um Dublins Phoenix Park in der Hoffnung auf Andrang sicherheitshalber die Tore ausgehängt. Mit mehreren hunderttausend Menschen rechnen die Kirchenoberen, wenn der Pontifex am Sonntag an jener Stelle der irischen Hauptstadt eine Open-Air-Messe zelebriert. Tags zuvor ist Franziskus Ehrengast des katholischen "Welt-Festivals der Familien" im Dubliner Stadion von Croke Park. Und zwischendurch besucht er den Marien-Schrein von Knock, im irischen Nordosten. Auch eine Begegnung mit ehemaligen Missbrauchsopfern steht auf dem Programm - ebenso wie ein Treffen mit Präsident Michael D. Higgins.

Sorgsam hat man geplant für diesen Besuch, für feierliche Auftritte des Gastes, für den Auf- und Abmarsch der erwarteten Menschen. Und doch weiß schon jetzt jeder in Irland, dass dieses Ereignis sich in nichts wird messen können mit dem ersten und bislang einzigen Papstbesuch.

Als Papst Johannes Paul II., der "polnische Papst", im Jahr 1979 seine "Schäfchen" in Irland besuchte, wurde ihm ein Empfang zuteil, wie er ihn kaum anderswo in der Welt hätte erwarten können. Von den damals knapp fünf Millionen Bewohnern drängte die Hälfte auf die Straßen oder in die Parks und Kathedralen, in denen Johannes Paul zu sehen war. Im Phoenix Park allein versammelten sich 1,25 Millionen Menschen zum Gebet.

In jener Zeit genoss die Katholische Kirche in der Republik Irland freilich noch eine ganz unangefochtene Stellung. Sie entschied in Moralfragen, gab die gesellschaftlichen Regeln vor, kontrollierte das Schul- und Gesundheitswesen. Politik konnte nicht gemacht werden ohne Rücksicht auf das Verdikt von den Kanzeln der Nation.

An Priestern und Nonnen mangelte es da noch nicht. Die Kirchen waren voll besetzt - und das nicht nur sonntags. Kein anderes europäisches Land hatte so große Familien. Keines stand so fest zu den Lehren des Vatikans. Vehement verteidigten Irlands Kirchenfürsten ihren Einfluss. Als sie Anfang der 1980er Jahre alarmiert feststellten, dass der Staat erstmals (rezeptpflichtige) Verhütungsmittel zuließ, beschlossen sie, ein Exempel ihrer Macht zu statuieren.

Abtreibung, Scheidung, Homoehe


Beim berühmten "Abortion-Referendum" von 1983 wurde das bereits existierende totale Abtreibungsverbot im Lande als neuer Artikel in die irische Verfassung aufgenommen - um das Verbot unangreifbar zu machen. Zwei Drittel der Iren stimmten damals, von der Priesterschaft und von rechtskatholischen Verbänden angeleitet, für diese Verfassungsänderung. Jahrzehntelang wagte kaum ein Politiker, sich der Weisung der Kirche in dieser sensitiven Frage zu widersetzen. Erst im heurigen Mai, 35 Jahre später, ist die heiß umstrittene Klausel unter großem Aufsehen mit einer "umgekehrten" Zweidrittel-Mehrheit wieder aus der Verfassung gelöscht worden.