Helmut Qualtinger (im Bild links) und Gerhard Bronner verstanden es, Österreich immer wieder in gespenstischer Weise einen Spiegel vorzuhalten. - © First Look / picturedesk.com
Helmut Qualtinger (im Bild links) und Gerhard Bronner verstanden es, Österreich immer wieder in gespenstischer Weise einen Spiegel vorzuhalten. - © First Look / picturedesk.com

Man schrieb das Jahr 1960, als Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger unter dem Titel "Krügerl vor’m G’sicht" eine Sammlung sehr spezieller, boshafter Wienerlieder herausbrachten, mit denen sich die beiden nicht gerade beliebt machten. Das goldene Wienerherz war gar nicht amüsiert über ein Lied, dessen Refrain lautete:

"A Krügerl, a Glaserl, a Stamperl, a Tröpferl
Da werd’n uns’re Äugerln gleich feucht
Da warmt si’ des Herzerl,
Da draht si mei Köpferl,
Die Fußerln werd’n luftig und leicht
Dann muaß i der Musi’ an Hunderter reib’n,
I bin in mein’ Himmel – und dann geh’ i speib’n."

Das Lied, das Bronner und Qualtinger da sangen, reiht sich scheinheilig in die Tradition des Wienerlieds, wie es sich seit der Gründerzeit entwickelte, als Wien allmählich eine wirkliche Großstadt wurde und man mehr und mehr das Volkstümliche heraufbeschwor, das mit der Industrialisierung unwiderruflich verloren ging. Und diese Art von Volkstümlichkeit, auf die man in Wien bis zum heutigen Tag stolz ist, scheint ohne massiven Alkoholkonsum undenkbar zu sein. Niemand konnte sie so intensiv verkörpern wie Hans Moser mit seiner legendären Interpretation des Liedes "Die Reblaus", dem Inbegriff der verklärten Trostlosigkeit: "Ich sitz oft stundenlang allein auf einem Fleckerl in einem Weinlokal in einem stillen Eckerl. Einem anderen Menschen wäre das vielleicht zu dumm doch ich bin selig dort und ich weiß warum." Und dann folgt im Refrain die wienerische Seelenwanderung, ein Loblied auf die Abhängigkeit vom Alkohol: "I muass im frühern Lebn eine Reblaus gwesen sein, ja, sonst wär die Sehnsucht nicht so groß nach einem Wein."

Akademisch gesprochen weisen solche Texte darauf hin, dass Österreich wie Deutschland oder die Schweiz in den Worten des Soziologen Wolf Wagner zum Typus der "Alkoholdeterminierten Kulturen" gehört. Wagner unterscheidet in dieser Hinsicht fünf verschiedene Arten der Beziehung einer Kultur zum Konsum von Alkohol: Prohibitive Kulturen, die Alkohol generell verbieten, wie vielen islamische und hinduistische Länder. Alkoholexeptionelle Kulturen, die Alkoholkonsum ausnahmsweise zu fest definierten Gelegenheiten erlauben. Alkoholpermissive Kulturen, wie sie traditionell in vielen romanischen Ländern bestehen, in denen regelmäßiger Alkoholkonsum in klaren Grenzen erlaubt ist, die aber das Betrunkensein ausschließen. Alkoholdeterminierte Kulturen, die den Konsum von Alkohol in viele Bereiche des Alltags gewohnheitsmäßig integrieren ("und dann geh’ i speib’n"). Und schließlich, fünftens, alkoholpathologische Kulturen, in denen exzessiver Alkoholkonsum in den Alltag integriert ist, wie in vielen slawischen Ländern.