Die Zeit der Backwut ist wieder angebrochen. Wer bäckt die besten Vanillekipferl, die süßesten Zimsterne? Wenn Sie nicht zu den Kekserlbackexpertinnen gehören, haben wir für Sie einen Tipp: Einfach kaufen!

Leicht gesagt, aber wo? Denn selbst der überzeugteste Keksmuffel erkennt, wenn die Sterne und Kipferl am Fließband gefertigt wurden. Mit so einem Backwerk kann sich weder die Hausfrau brüsten, noch der Gast Lorbeeren für das Mitbringsel einheimsen. Nun ist Wien bekannt für seine handgemachten Leckereien. Deshalb pilgern Tausende Touristen zu diversen renommierten Konditoreien, auf der Suche nach den ultimativen Vanillekipferln und Keksen. Wobei das "ultimative Vanillekipferl" in sich schon ein Widerspruch ist: Denn wenn solch eines ganz perfekt aussieht und alle einander wie ein Ei dem anderen gleichen, dann ist es nicht ultimativ, sondern Industrieware.
Eine Einladung zu einer Art vorweihnachtlichen Kekserl-Backshow bei Gerstner war für die Autorin dieses Artikels ein doppeltes Schrecknis. Wieder einmal musste sie gestehen, dass sie zur Gilde der Nichtbackfrauen gehört, vom Kochen und Backen null versteht und dass sie eigentlich keine Kekse mag. Fest entschlossen, sich von Gerstnerkeksen begeistern zu lassen, marschierte sie in die Kärntnerstraße Nummer 51.
Die Konditorei im Prachtpalais Todesco, vis à vis der Oper, macht ja mächtigen Eindruck. In dezenten, doch deutlich sichtbaren Goldbuchstaben leuchtet der Firmenname durch die Dämmerung: "K.u.K. Hofzuckerbäcker". Ein Titel mit hohem Ehrfurchtspotenzial, wie auch das Palais selbst: Gebaut von dem Superplaner der Wiener Ringstraße Ludwig Förster und von dem nicht weniger bedeutenden Architekten Theophil Hansen eingerichtet. Hier hielt die Salonnière Sophie von Todesco ihre berühmten Musik- und Literaturabende ab. Mit Gästen wie Hugo von Hofmannsthal oder dem Burgtheaterdirektor Heinrich Laube. Genug des Namedropings – hinein in die gute Stube. Ganz dem Stil des alten Palais’ verpflichtet hat der jetzige Geschäftsführer Oliver W. Braun den Verkaufsraum zu einer einladenden Boutique in Lindgrün gestaltet. Tortenkunst, Sektglanz und ein angenehmes Dämmerlicht verführen zum Kauf. Im ersten Stock herrscht handyfreie Genusszone, von den Gästen ganz selbstverständlich praktiziert. In diesem auf gemütliches Wohnzimmer gestylten Café kommt tatsächlich niemand auf die Idee, ins Handy zu starren, dazu ist das Ambiente zu intim, ja man könnte es technik- und designfern nennen. Weiche Sofas und Fauteuils in dunkelrotem Samt hüllen die Gäste in einen Vergangenheitstraum, erfüllen Sehnsüchte nach einer Zeit, als man nichts von Digitalisierung, Globalisierung, Robotisierung und Hektik wusste. Für eine oder mehr Stunden erfüllt man sich den Wunsch nach Vergangenheit. Genießt die Minitörtchen, verziert mit Veilchen oder Rosen, den Cappuccino mit "cuore decorato" (das im Schaum gezeichnete Herz) oder das Glas Sekt. In der Nische am Fenster gleiten die Gespräche ins Intime, Persönliche. Geschäftliches bleibt draußen.