Um 3.30 Uhr am Morgen weckt Salem mich. Ich liege unter einem orangefarbenen Mückennetz im Schlafsack auf einer dünnen Matratze und habe weniger geschlafen als ich gehofft hatte. Salem und ich übernachten im Garten seines Vaters, im Hochgebirge des Süd-Sinai. Da wir den Sonnenaufgang von Ägyptens höchstem Berg, dem Jebel (arabisch für Berg) Katharina mit 2629 Metern, genießen wollen, müssen wir früh los. Nachdem Salem und ich Tee getrunken und Kekse gegessen haben, machen wir uns schweigend und noch müde auf den Weg. Das Licht unserer Stirnlampen zeigt den schmalen Pfad, der sich hinter dem Garten von Salems Vater den Berg hinaufschlängelt.

Salem Ramadan ist 30 Jahre alt, klein, drahtig, er hat scharfe Augen und gilt trotz seines jungen Alters als einer der besten Bergführer in Süd-Sinai. Er kennt die Beduinengärten auch in abgelegenen Tälern, er weiß, wo Trinkwasser zu finden ist, und er scheut sich nicht, neue Wege auszuprobieren. Dabei berücksichtigt er immer die Kondition seiner Gäste und passt sich deren Geschwindigkeit an. Kein Tourist darf alleine in die Berge gehen: Die Beduinen kennen die Pfade und die lebenswichtigen Wasserquellen.

Die kleine Stadt St. Katharina liegt zwei Autostunden von Sharm El Sheikh entfernt in den Bergen, fast in der Mitte zwischen dem Golf von Suez und dem Golf von Aqaba. Weltberühmt ist das Katharinenkloster, das als eines der ältesten noch immer bewohnten Kloster der Welt gilt. Im sechsten Jahrhundert erbaut, wird es seit jeher von der griechisch-orthodoxen Kirche betrieben. Die Kirche brachte damals Menschen aus Europa als Bauarbeiter und Bewacher in die Berge des Sinai, aus Rumänien und Mazedonien. Die Europäer konvertierten im achten Jahrhundert zum Islam und sind noch heute dem Kloster eng verbunden. Dieser Stamm der Beduinen heißt Jebeliya, die Menschen der Berge, und es ist der einzige der Beduinenstämme des Sinai mit europäischen Vorfahren. Die Jebeliya zählen 7500 Mitglieder, und Salem Ramadan ist einer von ihnen.

Hohes Sicherheitsrisiko

Die ägyptische Halbinsel Sinai ist berühmt für ihre Strände, ihre Korallenriffe und Tauchreviere, ihre hippieähnlichen Strandcamps, wo auf Grund der Naturschönheit und der niedrigen Preise Europäer und Israelis wochen- oder monatelang Urlaub machten. Zumindest früher, da der Sinai nach der Arabischen Revolution durch Anschläge in Verruf geriet. Vor einiger Zeit beherrschte der Anschlag auf die Moschee in Bir al-Abed im Norden des Sinai die Schlagzeilen: Mehr als 300 Menschen wurden am 24. November 2017 nach dem Freitagsgebet ermordet. Im Oktober 2015 stürzte ein russisches Flugzeug nach dem Attentat bei Al-Arish ab – ebenfalls in Nord-Sinai. Daraufhin stellten viele Fluggesellschaften ihre Verbindungen nach Sharm El Sheikh ein. Bis heute geben westliche Regierungsbehörden Sicherheitshinweise für den Sinai heraus, so veröffentlicht auch das österreichische Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres für den Sinai partielle Reisewarnungen für den Norden. Das Innere des Süd-Sinai inklusive des Katharinenklosters in St. Katharina stuft das Bundesministerium sogar bis dato als Gebiet mit einem hohen Sicherheitsrisiko ein.