Ich bin von Israel nach Ägypten auf dem Landweg eingereist: Entlang der nördlichen Küste des Sinai, in der Grenzregion hinter Taba, warten Hotels auf Touristen, manche mit verrammelten Eingangspforten, andere mit gewässerten und gepflegten Vorgärten, und wieder andere im Stadium nackter Betonskeletts belassen. Wir passieren Resorts, die "Nirwana" heißen und auch so aussehen, und die einfachen Häuschen der Einheimischen; immer wieder gestoppt an Armeecheckpoints: Wie heißen Sie, wohin fahren Sie, welche Nationalität? Hinter dem Küstenort Nuweiba, bekannt für seinen Hafen, der Ägypten mit Aqaba in Jordanien verbindet und Saudi-Arabien in Sichtweite über das Rote Meer zum Nachbarn hat, biegen wir ab in die Berge. Die Landschaft verändert sich permanent, helle Sandflächen, rote und dunkle Berge. Abschnitte der Straße werden neu asphaltiert, auf den alten Teilen weicht mein Fahrer tiefen Schlaglöchern aus. Mehr als 200 Kilometer und 15 Checkpoints später erreichen mein Fahrer und ich St. Katharina.

Unterschied zwischen Norden und Süden

Auch in und um St. Katharina sind Polizei und Armee präsent; wer in die Stadt hinein oder aus ihr heraus möchte, wird mehrfach kontrolliert. Am Eingang des Wadi Raha Hotels stehen Jeeps der Armee, und Soldaten formieren sich dort zum Appell. Im April 2017 erschoss ein Angreifer einen Polizisten am Checkpoint vor dem Katharinenkloster. Er wurde später gestellt, und – das betonen die Einheimischen – es war niemand von ihnen. Für die Beduinen in St. Katharina ist fatal, dass westliche Medien meistens keinen Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden des Sinai machen: Denn der Norden des Sinai liegt mehr als 400 Kilometer von St. Katharina entfernt, und dorthin, in die Mittelmeerstadt Al-Arish oder die Grenze zum Gazastreifen, fährt kein Beduine aus dem Süden: Mit der dortigen Gewalt möchte niemand etwas zu tun haben.

Auf unserem morgendlichen Weg zu Ägyptens höchstem Berg treffen Salem und ich niemanden. Die Sterne begleiten uns, doch langsam kommt das Licht über die Berge, und die Bergketten des Sinai tauchen auf. Salem geht längst ohne seine Stirnlampe, die Arme über der Brust verschränkt und die Hände unter die Achseln geklemmt, um sie zu wärmen. Den Sonnenaufgang bewundern wir von einem kleineren Nebengipfel des Jebel Katharina. Gegen sieben Uhr sind wir ganz oben. Wir sehen den Weg, den die Israelis während der Besatzung des Sinai von 1967 bis 1982 zum Gipfel gebaut haben. Und wir sehen ein Kamel, zwei junge Männer und eine Frau, die uns Kaffee anbieten. Die Frau kommt aus Australien, hat lange in Sansibar gewohnt und will nun auf Grund eines Jobangebots zurück nach Australien. Sie trägt Flipflops – shipships, wie die Beduinen sagen – statt stabiler Bergschuhe. Die jungen Beduinen, die sie auf den Berg geführt und mit ihr dort übernachtet haben, sind gut gelaunt, sehr freundlich, kennen sich aber in der Gegend nicht so gut aus: Sie fragen Salem, wo sie Wasser finden.

Moses und die Zehn Gebote

Die Kapelle auf Jebel Katharina ist geschlossen, aber die Aussicht ist in alle Richtungen fantastisch. Jebel Katharina wurde nach Katharina von Alexandria benannt. Der Legende nach bekannte sie sich im vierten Jahrhundert zu Christus und lehnte es ab, heidnische Opfer zu bringen. Sie bekehrte viele andere Menschen, und da sie sich nicht von Gott abwandte, ließ der römische Kaiser Maxentius sie schließlich enthaupten. Engel transportierten Katharinas Leib von Alexandria auf den Jebel Katharina. Gegenüber sehen wir Jebel Mousa (auch Mosesberg, oder Berg Sinai), wo Gott die Zehn Gebote an Moses übergeben haben soll. Wahrscheinlich ist der Mosesberg der meistbestiegene Berg des Sinai: Tausende Touristen und Pilger stiegen auf den 2285 Meter hohen Berg Moses hinter dem Katharinenkloster oder ließen sich auf Kamelen tragen, um vom Gipfel den Sonnenaufgang zu bewundern. Seit den 1980er Jahren brachte dieser Pilgertourismus den Beduinen in St. Katharina ein bisschen Wohlstand. Doch heute sind es nur einige hundert, die vor allem nachts den Berg erklimmen, und die wenigsten bleiben länger als einen Tag.