Dabei bieten gerade die mehrtägigen Bergtouren unvergessliche Eindrücke. Den Vorabend unseres Aufstiegs zu Jebel Katharina verbrachten Salem Ramadan und ich im Garten von Salems Vater, Ramadan Said, in Wadi al-Arba‘iin. Ramadan Said sang Beduinenlieder über die Liebe und den Mond. Er begleitete sich auf der Simsimeya – die Laute hat er selbst gebastelt, aus einem alten Benzinkanister, Stegen aus Mandelbaumästen und Metallkabeln, die ihm Israelis geschenkt haben. Salems Bruder Mohammed kochte Suppe und servierte Reis mit Huhn. Er spricht gutes Englisch und ein wenig Deutsch – seine Sprachkenntnisse hat er wie alle Beduinen von den Touristen gelernt. Und es waren schon viele Touristen bei ihnen im Garten, bis zu 100 können Vater Ramadan und seine Söhne gleichzeitig beherbergen. Eine Schulpflicht gibt es in Ägypten nicht, und in St. Katharina wurde die erste Schule unter der israelischen Besatzung eingerichtet.
Von Jebel Katharina steigen Salem und ich über Wadi Ahmar, das Rote Tal, ab, durch roten Granit, später über weiße Steine kletternd, immer wieder für einen Schluck Wasser (ich) oder eine Zigarette (Salem) stoppend. Kurz nach Mittag erreichen wir den Garten von Amarei, einer alten Frau, die alleine in Wadi Zawatin lebt, ihren Garten pflegt und sich über Besuch freut. Außer ihr wartet Sliman auf uns, Salems jüngerer Bruder, der mit dem Kamel Asfur – arabisch für Vogel – Schlafsäcke und Essen gebracht hat. Asfur ist ebenso schlau wie einzelgängerisch: Die Kamele kennen die Wege, doch sie sind keine Streicheltiere. Einmal an einen Menschen als ihren Führer gewöhnt, knurren sie Fremde durchaus bedrohlich an. Stirbt ein ihnen vertrauter Mensch, essen und trinken sie für Tage nicht, und es dauert Wochen, sie an einen neuen zu gewöhnen.

"Three Peaks of Egypt"

Nach einem Mittagsschlaf brechen Salem und ich auf, um Jebel Abbas Pasha zu besteigen. Auf dem Gipfel in 2382 Metern Höhe stehen die Ruinen eines Palastes: Abbas Hilmi Pasha, der Ägypten und Sudan von 1849 bis 1854 regierte, wollte sich hier von seiner Tuberkulose erholen, starb aber, bevor sein Palast fertiggestellt wurde. Von Jebel Abbas Pasha sehen wir die Stadt St. Katharina im Abendlicht. Salem Ramadan schwenkt sein Tuch über seinem Kopf, um seine Frau und seine drei Kinder im Tal zu grüßen.
Unser Tag endet wie er begonnen hat: In der Dunkelheit steigen wir abwärts. Beiläufig erzählt Salem, dass ich ohne es zu wissen zwei Drittel der "Three Peaks of Egypt"-Tour geschafft habe: Jebel Katharina und Jebel Abbas Pasha in 16 Stunden. Der "Three Peaks of Egypt" sieht vor, drei Gipfel in einer Tour zu besteigen: Jebel Katharina, Jebel Mousa und Jebel Abbas Pasha – in 72, 24 oder 12 Stunden. Der Rekord dieser 38 Kilometer langen Tour liegt bei unter neun Stunden, und natürlich war Salem Ramadan dabei.
Nach unserer Rückkehr bietet Amarei mir eine Dusche an. In einem hüfthohen Betonviereck spritze ich mich unterm Sternenhimmel mit einem Schlauch ab, neben mir ein eingemauerter WC-Sitz mit darunterliegender Fallgrube. Die Ziegen blöken, in der Ferne schreien Esel, und als ich zurückkomme, sagt Amarei mit strahlendem Gesicht, ich sei die erste Nutzerin ihrer Dusche gewesen: Seit vier Tagen erst habe sie ihr Badezimmer und ihre Toilette.

Sliman und Salem kochen Reis und Gemüse auf offenem Feuer, wir trinken stark gezuckerten Schwarztee. Amarei plaudert freundlich und ausgiebig, während sie wie die Männer selbstgedrehte Zigaretten mit hiesigem Tabak raucht. Mit einem Solarcharger, den Sliman mitgebracht hat, lädt sie ihr Handy auf, und während wir im Hof vor ihrem Häuschen unsere Matratzen und Schlafsäcke ausbreiten, ruft sie ihre Kinder in St. Katharina an und redet, bis der Akku leer ist.

Am nächsten Tag laufen wir weiter auf dem Trek Galt al-Azraq, Salem und ich zu Fuß in den Bergen, Sliman mit dem Kamel und dem Gepäck auf den leichteren Wegen. Unterwegs treffen Salem und ich eine Gruppe Israelis, ausgebildete Tourguides, die wie ich Galt al-Azraq gehen, aber gegen den Uhrzeigersinn. Gemeinsam klettern wir auf den Berg Bab al-Donya, das "Tor zur Welt". Von dort sehen wir die Regionalhauptstadt At-Tur an der Westküste des Sinai, und den Golf von Suez. Die letzte Nacht verbringen wir in Farsch Rumana, der "Ebene der Granatäpfel", unterhalb von Galt al-Azraq. Salems Bruder Sliman ist bereits da und hat einen Topf Wasser auf das Lagerfeuer gestellt. Drei dünne Matratzen und Kissen sind gemütlich darum herum gruppiert, und während jeder von uns seinen Gedanken nachhängt, sinkt die Dämmerung über die Ebene der Granatäpfel. Außer Asfurs gelegentlichem Schnaufen ist das einzige Geräusch der Motor jener Flugzeuge, die den Sinai überqueren, blinkend, schnell, mit unbekanntem Ziel. Der zunehmende Mond leuchtet heller als die Sterne und die Milchstraße, er bewegt sich über das Firmament, bevor er hinter den Bergen versinkt.

Der Höhepunkt aber ist am letzten Tag Galt al-Azraq selbst – der "Blaue Pool". Nach einem steilen Abstieg durch Wadi Talla Kibira liegt der natürliche Pool zwischen Felsen und Bäumen. Das Wasser ist klar und erfrischend, doch Salem warnt mich, von oben hineinzuspringen: Unter dem Wasser sind Felsen. Ich rutsche über Steine an der Seite hinein: Die langen Wandertage bei 35 Grad haben sich alleine für dieses Erlebnis gelohnt.