Zu einer Hochzeit gehören, wie man allgemein weiß, Eheringe. Doch Vorsicht! Solche Ringe könnten, wenn man den Gelehrten alter Zeiten glaubt, magische Eigenschaften haben.

Es ist zum Heulen. Die Orgel spielt und die Brautleute stecken sich gegenseitig die Ringe an. Das ist der große Moment, in dem alle Anwesenden, vor allem aber Mütter, Großmütter und Tanten, berechtigt sind, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Der Augenblick hat etwas Magisches, daran können Statistiken nichts ändern, denen zufolge fast die Hälfte aller Ehen wieder geschieden wird. Dem Ritual, in dem die Brautleute sich gegenseitig die Ringe anstecken, haftet unverändert ein archaischer Zauber an. Moderne Internet-Bräute diskutieren in einschlägigen Foren auf vielen Seiten, wie sie es schaffen könnten, ihrem zukünftigen Ehemann, dessen Fingergelenke vielleicht ein wenig zu dick sind, den Ring fachgerecht überzustreifen. Das kostbare Stück darf ja weder zu locker noch zu fest sein. Bei diesem einen Akt wollen sie offenbar auf gar keinen Fall versagen. Verglichen mit dieser Zeremonie ist in dem aufgeklärten Zeitalter die Hochzeitsnacht ein harmloses Unternehmen, bei dem kaum noch etwas schiefgehen kann.

Aber warum sind diese Ringe so wichtig? – Manche spekulieren darüber, dass die ideale geometrische Form eine Art Zauberkreis ausdrücke. Eine definitive Antwort gib es natürlich nicht. "Auf sehr allgemeiner Ebene", notiert der Historiker Klaus Graf, ein Spezialist für mittelalterliche Geschichte und lokale Überlieferungen, "auf sehr allgemeiner Ebene ist die Feststellung gültig, dass Ringe Bindungen und Beziehungen ausdrücken." Seinen Forschungen zufolge sind im (heutigen) deutschsprachigen Raum Eheringe seit ungefähr siebenhundert Jahren üblich, allerdings nur bei einer sehr schmalen Oberschicht.

Selbstverständlich ist die Tradition des Ringes um vieles älter. Schon im alten Ägypten wurde er als Zeichen von Macht und Würde verwendet. Eine besonders dramatische Ring-Geschichte überlieferte Herodot, einer der ersten Geschichtsschreiber im alten Europa. Bekannt wurde sie im deutschsprachigen Raum vor allem durch das sechzehnstrophige Gedicht, das Friedrich Schiller dem "Ring des Polykrates" widmete. Polykrates, der vor 2500 Jahren (538 bis 522 vor unserer Zeitrechnung) die Insel Samos beherrschte und als einer der reichsten Männer seiner Zeit galt, wird darin von seinem Verbündeten, dem ägyptischen Pharao Amasis, davor gewarnt, mit seinem Reichtum zu prahlen und damit die Götter zu verärgern: "Mir graut vor der Götter Neid", heißt es bei Schiller. Polykrates, der diese Warnung sogar ernst nimmt, will sich symbolisch von einem Teil seines Reichtums trennen und wirft seinen teuren Ring ins Meer. Doch was geschieht? Der Ring kommt zurück: Anderntags findet der Koch in einem frisch gefangenen Fisch das wertvolle Schmuckstück wieder. Pharao Amasis ist entsetzt ("die Götter wollen dein Verderben") und reist sofort ab. Polykrates wurde später von einem hinterlistigen Verbündeten ermordet, ein grausamer Tod, von dem Herodot nur sagt, dass er ihn "nicht erzählen mag".