Alexander Profous bei der Arbeit an einer Lederhose. - © Silvia Matras
Alexander Profous bei der Arbeit an einer Lederhose. - © Silvia Matras

"Ich bin der Dritte in der Familientradition mit dem selten gewordenen Beruf eines ‚Säcklers‘. Das Gewerbe habe ich von meinem Vater, der wieder hat es von seinem Großonkel gelernt", erzählt Alexander Profous mit stolzer Bescheidenheit. "Es ist ein aussterbendes Gewerbe, dennoch habe ich zwei Meisterinnen ausgebildet. Eine von ihnen, Karin Reichsthaler, arbeitet jetzt mit in meiner Werkstatt und wird einst das Geschäft übernehmen." Während Alexander Profous erzählt, stickt er fleißig an einer schwarzen Lederhose. Am rechten Zeigefinger einen über der Kuppe offenen Fingerhut, leicht über das Arbeitsstück gebeugt, die Brille auf der Nase – so stickt er die "Auszier", über Stunden auf seinem Hocker im wabernden Mischlicht, das aus dem Gassenfenster in der Grünangergasse dringt, sitzend. "Auszier" werden die kunstvollen Stickereien, Blätter, Blumen, Geweihe, Hirsche, Monogramme oder Wappen genannt, die alle Lederhosen, die etwas hermachen sollen, zieren. Für die Auszier rund um den Hosenlatz, das Herz, Stolz und Zentrum der Lederhose, braucht er viele Stunden. Die Stiche werden mit einer feinen Nähnadel ausgeführt. Es ist, als käme die Nadel nicht vom Fleck, weil die Stiche sehr klein sind. "Man braucht viel Fingerspitzengefühl, da man nicht durch das Leder durchstechen darf", erklärt Alexander Profous.
In der Werkstatt sitzend, eingehüllt vom trüben Tageslicht, umgeben von einem Berg von Lederresten, Schnittmustern, Scheren und anderen "Säcklerwerkzeugen", gibt Alexander Profous das Bild eines Handwerkers aus längst vergangenen Zeiten ab. Kein Computer, kein Handy, kein Fernseher erinnern an die Gegenwart. Nichts davon braucht ein Säckler, denn die Präparation des Leders und die Endfertigung haben sich seit Jahrhunderten nicht wesentlich geändert. Noch immer wird die Lederhose aus "sämisch gegerbtem" Hirsch- oder Rehleder hergestellt. Diese Prozedur mit Schwefel, Natrium und Fischtran dauert drei bis vier Monate. Danach ist das Leder weich und wird mit Naturfarben braun, schwarz oder dunkelgrün händisch eingefärbt. Blau oder Rot sind absolut verpönt.
Um 1800 herum wurde aus der ledernen Kurzen, wie sie Forstleute und Hirten trugen, die Tracht für wohlhabende Bauern und Adelige. Erzherzog Johann trug sie, Maximilian II., König von Bayern, trug sie, Kaiser Franz Josef trug sie. Allerdings nur in der Natur, nie am Hofe.
Trotz dieser wirkungsvollen Rolemodels kam die kurze Lederhose bald wieder in Verruf. Um 1900 sprach die Kirche ein Machtwort und erklärte die Lederhose zum unschicklichen Gewand. Aber irgendwie war sie nicht umzubringen, einerseits weil sie ja doch sehr praktisch war und andererseits, weil sie dem Träger zu Rang und Ansehen verhalf. Nicht zuletzt, weil Stickerei, passender Schmuck wie Silberketten oder teure Messer, deutlich sichtbar im seitlichen Messersack steckend, den Reichtum des Trägers unterstrichen. Weil die Tracht unter den Nationalsozialisten gleichsam zum Symbol der Heimat- und Parteitreue wurde, geriet sie nach dem Zweiten Weltkrieg neuerlich in Verruf.
Als Alexander Profous in den 80er Jahren seine Lehre begann, war die Krachlederne, wie überhaupt die Tracht, bei den Jungen sogar verpönt. Die Werte der Elterngeneration wurden angezweifelt, die Tracht, besonders die Lederhose, mit dem falsch verstandenen Heimatbegriff in Verbindung gebracht. Erst in den 90er Jahren trat eine Wende ein. Die ersten trachtenaffinen Städter spazierten im Salzkammergut in Lederhosen und Dirndln durch die Landschaft, von den Einheimischen milde belächelt. Aber der Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten. Männer wollten zum Beweis ihrer Männlichkeit eine Lederhose! Man wollte sich auf dem Oktoberfest zünftig geben und auf dem Lande als Pseudobauer oder verkappter Gutsherr umherstolzieren, aus der Landpartie wurde die Landparty. Als der Onlinehandel auf diesen Trend aufsprang und im Internet Billigware aus Asien anbot, war die Lederhose endgültig auf das Modeparkett zurückgekehrt.