Ist das nicht herrlich! Nur wenige Meter sind es von meinem Hotelzimmer zu einem Becken, in dem mein Körper in dampfend heißes Wasser eintaucht, während mein Blick auf ein wolkenverhangenes, taiwanesisches Tal fällt. Heiße Quellen direkt im Hotel, wie hier im Moon Water Bay Hill Hotel, in Taiwan ist das gar nicht so selten. Hier im Osten des Landes, in der Nähe von Yuli, ebenso wie in Beitou, einem Vorort der Hauptstadt Taipeh, in dem sich ebenfalls schwefelhaltige, heiße Thermalquellen finden. Bereits die taiwanesischen Ureinwohner kannten die heißen Quellen, ein Geschäftsmann aus Deutschland nutzte sie erstmals kommerziell – und während des zweiten Weltkriegs stärkten japanische Soldaten dort ihre Kräfte. Darunter auch die berüchtigten Kamikazepiloten, die in Beitou häufig nicht nur ihr letztes heißes Bad genossen, sondern auch ihr allerletztes Mahl vor dem Flug in den Tod zu sich nahmen.
Szenenwechsel: In Yuli ist es wolkenverhangen, schade, denn heute steht eine Fahrradtour auf dem Programm. Doch vorher geht es noch in ein Restaurant. Essen ist in Taiwan sehr wichtig, und die südöstlich von Festland-China gelegene Insel, die nur von wenigen Ländern als eigenständiger Staat anerkannt wird, lohnt schon aus kulinarischen Gründen eine Reise. Wir genießen unser "Happy Meal" in einem kleinen vegetarischen Restaurant, doch wirklich stärken müssen wir uns eigentlich gar nicht. Schließlich radeln wir heute nicht durchs Gebirge, sondern auf einer eher flachen Strecke. Ein Radweg, der eine ehemalige Bahntrasse nutzt, und der uns durch das größte
Reisanbaugebiet Taiwans führt – das East Rift Valley, das Tal zwischen dem Zentralgebirge und dem östlichen Küstengebirge. Die erste Sehenswürdigkeit auf dem Weg ist eine Eisenbahnbrücke, deren rot einen interessanten Kontrast zur grünen Landschaft und zum grauen Himmel darstellt. Ob ihrer geschwungenen Form, so erfahren wir, trägt sie den Namen Regenbogenbrücke. Etliche Kilometer weiter halten wir erneut an, diesmal nicht neben einer Eisenbrücke, sondern auf einer Betonbrücke, die über einen weitgehend ausgetrockneten Fluss führt. Wir erfahren, dass es sich hier um weit mehr handelt, als um einen X-beliebigen Wasserlauf: Denn genau hier treffen unterirdisch zwei gewaltige Kontinentalplatten aufeinander – die philippinische und die eurasische Platte. Dieser Zusammenprall ist dafür verantwortlich, dass sich die die Insel Taiwan aus dem Meer erhoben hat und dass es auf dem relativ kleinen Eiland mehr als 200 Berge gibt, die über 3000 Meter nach oben ragen. Er verursacht nach wie vor mehrere tausend kleinere Erdbeben pro Jahr, denn die philippinische Platte bewegt sich weiterhin Richtung Nordwesten. Die Plattenkollision ist indirekt auch ein Hauptgrund dafür, dass es in Taiwan mehr als 100 heiße Quellen gibt. Schnell ein Erinnerungsfoto gemacht – ein Fuß auf der eurasischen, einen auf der philippinischen Seite – dann geht es weiter.
Statt mit heißen Quellen empfängt uns Hong Thien am Ende der Fahrradtour mit einem heißen Kaffee, den sie in ihrem Laden in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude aufbrüht. Und sie zeigt uns Kalligraphie und filigrane Puppengesichter, die sie selbst geschaffen hat. Etliche Kilometer davon entfernt treffen wir anschließend die 36-jährige Rei-Ru Jin, die vor sechs Jahren damit begonnen hat, Tofu herzustellen. "Bei uns im Ort macht fast jeder sein eigenes Tofu. Mir hat meine Schwiegermutter gezeigt, wie das geht", berichtet sie – und lässt uns bei der Herstellung gleich selbst mit anpacken. Allerdings nur bei den einfachen manuellen Tätigkeiten, das Erhitzen der Sojamilch über dem Holzfeuer und die richtige Dosierung des Gerinnungsmittels, das das Eiweiß der Sojamilch zum Ausflocken bringt, das erledigt Rei-Ru Jin, deren Sohn die Prozedur neugierig beobachtet, dann doch lieber selbst.
Auf unserer Rückfahrt nach Taipeh halten wir in Yilan bei einer Fabrik für eingelegte und kandierte Früchte. Sie ist für die Hauptstadtbewohner ein beliebtes Ziel für einen Kurzausflug. Ein 3-jähriger Bub, den wir treffen, hat den Besuch von seinen Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen. Natürlich interessiert er sich eher für die Hands-on-Erfahrung als für die Führung. Mit großer Konzentration und Ernsthaftigkeit presst er die goldgelben Kumquats mit einem Metallstab durch eine Vorrichtung, die die Haut der Früchte aufritzt und die Frucht dadurch zugänglich macht für den Zucker, der ihr anschließend zugefügt wird. "Kumquats sind eine Winterfrucht, die normalerweise in der Zeit von November bis Februar geerntet wird, sie sind reich an Vitamin C und sind sogar gut gegen Halsschmerzen", erläutert eine Führerin, die den Spitzenamen "Pineapple" hat, und die uns durch die Kompottfabrik führt. Zum Schluss unseres Besuchs legen auch wir selbst Hand an, so dass jeder von uns den Showroom mit einem Glas frisch zu Kompott verarbeiteter Kumquats verlässt.
In Taipeh besuchen wir, wie könnte es anders sein, Taipeh 101. Das über 500 Meter hohe Gebäude ist der Form eines Bambusstabs nachempfunden. Wir fahren im Aufzug in rund dreißig Sekunden nach oben und genießen die Aussicht auf die wolkenverhangene Stadt. Fast noch beeindruckender ist die 660 Tonnen schwere Metallkugel, die als Schwingungstilger an sechzehn dicken Stahlseilen hängt. Sie ist der Hauptgrund dafür, dass man sich hier vor Taifunen und Erdbeben nicht sonderlich fürchtet. Denn wenn es zu Erdstößen kommt, dann absorbiert die Kugel, die zwischen dem 87. und dem 92. Stockwerk angebracht ist, diese Energie und sie balanciert das Gebäude aus. Das Gewicht der Kugel, die aus 41 Stahlplatten aufgebaut ist, entspricht in etwa zwei Jumbojets.
Zu einem der schlimmsten Erdbeben in der Geschichte Taiwans kam es September 1999, das Jiji-Erdbeben hatte eine Stärke von 7,6. Mehr als 2000 Menschen starben. Besonders stark wackelte die Erde im Taomi Village in der Nähe der Stadt Puli. Mehr als die Hälfte der rund 270 Häuser wurde ganz oder teilweise zerstört. Während des mehrjährigen Wiederaufbaus entwickelte sich das Dorf zu einem Zentrum für Ökotourismus, zudem erhielt die Gemeinde eine Spende aus Japan: den Paper Dome. Dieser war ursprünglich ein provisorisches Gotteshaus, das der japanische Architekt Shigeru Ban entworfen und verwirklicht hatte. Er ersetzte eine katholische Kirche, die durch das Kobe-Erdbeben im Januar 1995 zerstört worden war. Sein tragendes Gerüst bildeten 58 Pappröhren. Keine der fünf Meter langen Röhren wiegt mehr als sechzig Kilo, dennoch trägt jede davon bis zu 1500 Kilogramm. Der Paper Dome wurde in Japan rund zehn Jahre lang als Gotteshaus genutzt, bevor er zu klein wurde. Als dann noch eine neue Kirche gebaut worden war, brauchte man ihn nicht mehr. Doch statt ihn abzureißen, zerlegte man ihn und brachte ihn nach Taiwan. Dort fand er im Taomi-Dorf eine neue Heimat, und wurde, nachdem er von christlichen und taoistischen Priestern gesegnet wurde war, eine Mischung aus Touristenattraktion und Begegnungszentrum. Die sehenswerte Papierkirche findet sich eingebettet in einen Ökopark, umgeben von Cafés und einer Kunstgalerie. Ökologisches und nachhaltiges Reisen, darauf legt das Hightech-Land Taiwan inzwischen einen ganz besonderen Fokus.
Nicht weit von Puli entfernt lockt eine der touristischen Hauptattraktionen Taiwans, der Sonne-Mond-See, das größte Binnengewässer des Landes. Wir freilich besuchen ein anderes touristisches Highlight des Landes, die Taroko- oder Marmorschlucht im Osten Taiwans, einen beeindruckenden Felseinschnitt entlang des Flusses Liwu, an dem die Fels- bzw. Marmorwände bis zu fünfhundert Meter weit nach oben ragen. Auf der Fahrt in die circa zwanzig Kilometer lange Schlucht steigen wir aus, müssen in den durch die Felsen getriebenen Tunneln aber Helme tragen. Erstaunt sehen wir riesige Reisebusse, die sich auf der schmalen Straße durch die engen Tunnels schieben. Es dauert nicht lange, bis einer davon stecken bleibt und nur mit einigen Kratzern weiterfahren kann.
Die wahre Schönheit der Taroko-Schlucht entdecken wir allerdings erst, als wir am nächsten Tag die Straße verlassen und uns auf den Lushui-Trail begeben, einen kleinen Felspfad. Wir gehen direkt an senkrecht aufsteigenden Felswänden entlang, durchschreiten mannshohe Fußgängertunnels durch den Fels, balancieren über kleine Brücken und blicken hinunter auf den Liwu-Fluss, der sich am Grunde der Schlucht entlangschlängelt.
Einige Kilometer weiter halten wir am Eternal Spring Shrine an: Er erinnert an die mehr als 200 Menschen, die ums Leben gekommen sind, als von 1956 bis 1960 der Highway Nummer 8 gebaut wurde, eine Straße, die quer durch Taiwan führt. Aufgrund seiner tektonischen Situation ist Taiwan äußerst gebirgig. Eine Straße quer durch dieses Land zu bauen, das war in den 50er Jahren eine enorme Herausforderung. Grün und bergig, gleichzeitig modern und freundlich – heute wartet Taiwan darauf, von westlichen Urlaubern als Reiseland entdeckt zu werden. Und es hat weit mehr zu bieten als seine mehr als rund 100 heißen Quellen, die man an manchen Orten sogar direkt im Hotelzimmer genießen kann.