Ich treibe an der Oberfläche eines traumhaft blauen Meeres. Von zwei Tauchern unter mir perlen Millionen silbrig-weißer Luftbläschen hoch und kitzeln meinen Bauch. Ab und zu steigt eine größere Blase auf, unten flach und oben gerundet – wie ein "Germknödel" aus Luft. Bevor sie zerplatzt, spiegelt sich meine ganze Silhouette an der gekrümmten Oberseite der Luftblase – verkleinert wie im Zerrspiegel.
Ich logiere in Nabq Bay, knapp 20 Kilometer nördlich vom Zentrum des ägyptischen Touristenorts Scharm El-Scheich. Die Bucht liegt an der Straße von Tiran: Dieser Flaschenhals verbindet den Golf von Akaba mit dem Roten Meer. Riesige Containerschiffe passieren diese Meerenge, nehmen dann Kurs auf den Golf von Sues oder den fernen Indischen Ozean. Ein Saumriff zieht sich die Küste entlang, selten durchbrochen von ausgetrockneten Flussmündungen und kleinen Buchten. Schwimmern mag es lästig sein; Schnorchler und Taucher zieht es magisch an. Daher greife ich zur Tauchermaske – 50 Jahre, nachdem ich als Kind damit gespielt habe.
Zuerst probiere ich aus, was in den Büchern steht: Wie man sich effizient mit Flossen fortbewegt, das Glas vor dem Anlaufen bewahrt und eingedrungenes Wasser aus Maske oder Schnorchel bläst. Ich treibe ohne viel Zutun an der Wasseroberfläche – dank des Salzgehalts von 42 Promille. Schwimmbewegungen sind bloß zum Manövrieren nötig – und um gegen die zeitweise heftige Strömung oder die Brandung anzukämpfen.
Man atmet kräftiger aus als gewohnt, drängt so die verbrauchte Luft aus dem Schnorchel. Die Sicht reicht ein gutes Dutzend Meter weit, da kein Fluss Sedimente ins Meer spült. Nur Plankton streut mitunter Licht, strahlt dabei hell auf. Wellen bündeln das eindringende Sonnenlicht zu "Brennstrahlen". Die ziehen an meinem Kopf vorbei, als wollten sie sich in der Tiefe vereinigen. Das pulsierende Schauspiel erinnert mich ein bisschen ans Nordlicht.
Immer wieder schwimme ich ein wenig hinaus und lasse mich dann zum Riff spülen. Man darf es keinesfalls berühren! Korallen haben es in unzählbaren Jahren aufgebaut: Manche ahmen Bäumchen oder Fächer nach, andere Karfiol oder Brokkoli. Für die meisten Formen fehlt jeder Vergleich. Mitunter glaubt man, auf versteinerte, zwergenhafte Wälder zu blicken. Vorsprünge und enge dunkle Höhlen strukturieren die Märchenlandschaft.
Korallen sind festsitzende Nesseltiere. Sie brauchen transparentes, warmes Wasser. Die Steinkorallen filtern Kalzium aus dem Meerwasser, formen damit Kalkskelette. Darauf siedeln sich später neue Korallen an. Das Riff wächst bis zur Wasseroberfläche. Die Korallen sind hier meist bräunlich, gelblich, rosarot oder grün. Die Farben verdanken sie Algen in ihrem Gewebe, mit denen sie in Symbiose leben.
Ein gelbes Band am Handgelenk weist mich als Gast der weitläufigen Klubanlage aus. An das All-Inclusive-Leben muss ich mich anfangs zwar gewöhnen, finde es dann aber angenehm. Auch die zahlreichen angebotenen Aktivitäten kosten zumeist nicht extra.
"Wenn es sich unbequem anfühlt, ist es korrekt", raunt mir einer der freundlichen, unaufdringlichen Animateure während der Yoga-Stunde zu. Das mehrfach wiederholte "Sonnengebet" ist mir bei 33 Grad im Schatten eindeutig zu viel der Huldigung. Beim Bogenschießen treffe ich zwar einmal ins Schwarze, doch leider auf der Nachbarscheibe. Um weitere Blamagen zu vermeiden, verzichte ich auf den Sweethearts-Walzertanzkurs. Ein Sweetheart fehlt mir sowieso gerade. Umso mehr amüsiert mich das Schild am Strand: "Spart Wasser, duscht gemeinsam". Ich bin fast nur von jungen Pärchen umgeben und werde keine Dame finden, die mit mir Wasser sparen möchte.
Zwischen dem Sandstrand und dem Riffrand erstreckt sich eine weite Lagune. Zum Schwimmen ist sie zu seicht. Einmal taucht dort eine Bande von Sergeanten auf. Die Bisse dieser Fische sind vergleichsweise zart, dennoch ertönt ringsum immer wieder ein erschrockenes "Au!" Eine schlangenähnlich geformte Gelbkopfmuräne macht sich davon. Um solche Rifflagunen zu überbrücken, besitzen die Hotelanlagen jeweils eigene Stege. Meiner ist 330 Meter lang und wird rund um die Uhr bewacht. Er endet in einer zweigeschossigen Stahlplattform. Davor tummeln sich Schwimmer wie Schnorchler dicht an dicht im Wasser.
Der Wunsch zur Tarnung scheint etlichen Bewohnern des Roten Meeres fremd zu sein. Sie kleiden sich in farbenfrohe Gewänder, als wollten sie aller Welt Kunde von ihrer Existenz geben. Kleine Fische sammeln sich in großen Schwärmen, große in kleinen. Manchmal wird man für kurze Zeit selbst Teil eines solchen Schwarms. Am Riffdach wiegen sich die Fische in der Brandung. Die Schnorchler davor machen es ebenso. Oft meine ich, das Schaukeln selbst abends noch im Bett zu spüren.
Die prächtigen Doktorfische verjagen oft Konkurrenten: Ihren akademischen Titel verdanken sie einem Paar beweglicher Skalpelle an der Schwanzwurzel. Die gelben Rotmeer-Wimpelfische trifft man dafür meist paarweise an. Falterfische haben ihr Maul sogar beständig zum Kussmund geformt. Mit nadelähnlichen Zähnen gespickt ist das überlange Maul des Hornhechts. Er ist extrem schlank. Anders der Masken-Kugelfisch: Er vergeudet keinen Gedanken mehr an seine Figur.
Der Picassodrücker mutet wie ein Spielzeug-U-Boot an – dank seiner weit nach hinten versetzten, obenliegenden Augen. Der Rotfeuerfisch will sich hingegen in einen Vogel verwandeln: Zumindest erwecken seine federartigen Flossen diesen Eindruck. Haie bekomme ich nicht zu Gesicht, obwohl diesen hier zweifellos das Wasser im Mund zusammenlaufen würde. Aber auch harmlos aussehende Wesen können beißen, stechen, ritzen, brennen oder elektrische Schläge austeilen. Respektabstand empfiehlt sich.
Anfangs haben rote Flaggen das Bad im Meer vereitelt. Mittlerweile werden sie gegen gelbe getauscht – doch leider immer erst am späten Nachmittag. Und selbst dann pfeift der Aufpasser auf der Stahlplattform ab, sobald man weiter wegschwimmt. Neidisch beobachte ich die dunklen Gestalten auf dem Steg, die selbst roten Flaggen trotzen. Es sind Taucher in schwarzen Neopren-Anzügen. Ich will es ihnen gleichtun und buche ein Probetauchen bei Magic Divers, der Tauchschule innerhalb der Hotel-Anlage.
Zuerst gilt es Formulare auszufüllen. Die zwei Dutzend aufgelisteten Krankheiten kenne ich zum Glück bloß dem Namen nach. Mein chronisches Nebenhöhlenproblem spiele ich herunter und kritzle auch hier ein "No" aufs Papier. Natali, die junge Tauchlehrerin, legt ihren Anzug mit Anmut an. Ich zwänge mich hinein. Schon Leonardo da Vinci erkannte: Helles trägt auf, Dunkles macht schlank. Er hat mich nicht in Neopren gesehen! Natali macht mich mit den wichtigsten Handzeichen der Tauchersprache vertraut, mit dem Druckausgleich und mit dem Atemregler.
Auf der Plattform schnallt man den Bleigürtel um meine Hüfte. Es folgen die Tarierweste und eine schwere Druckluftflasche: Der Wasserdruck steigt mit der Tiefe; das Atemgas muss deshalb ebenfalls mit zunehmend höherem Druck in die Lunge strömen. Mit aufgesetzter Tauchermaske blicke ich nochmals zu Natali hinüber und beschließe, ihr absolut zu vertrauen. Danach ist meine Nervosität wie weggezaubert. Ich schlüpfe in die Taucherflossen und springe mit einem Grätschschritt ins Meer.
Natali lässt Luft aus meiner Tarierweste. Das Blei zieht mich in die Tiefe. Sogleich beginne ich den Druckausgleich, atme in die zugehaltene Nase. Dennoch schmerzen meine Trommelfelle. Ich zeige die Zitterhand ("Problem") und deute dann aufs Ohr. Wir halten kurz inne. Bald sehe ich Natalis rechte Hand, die Finger fragend zum Okay-Zeichen geformt. Ich antworte auf gleiche Weise.
Sodann schweben wir den steilen Riffhang hinab. Während das Meeresblau langsam ins Blaugrau übergeht, schwillt der Ohrenschmerz an und ab. In fünf Metern Tiefe verschwindet er. Fischschwärme tummeln sich hier, formen seltsame Figuren. Ich brauche nichts zu tun, bin vollkommen entspannt und gebe mich dem Erlebnis hin. Natali steuert meine Bewegungsrichtung und meine Lage. Manchmal dreht sie mich ein wenig herum, weist mit dem Zeigefinger auf ganz besondere Meeresbewohner. Ich bin in ein Reich eingetreten, das fantastisch ist, grandios und wunderbar. Es ist, als hätte mich eine Meerjungfrau in eine andere Welt entführt und stellte mir hier die herrlichsten Sehenswürdigkeiten vor.
Schließlich lässt Natali wieder Luft in die Tarierweste strömen, steigt mit mir hoch. Es raschelt und kracht in meinen Ohren. Dann wird eine Handvoll geschüttelter Sodawasserflaschen in meinem Kopf geöffnet. Ein Güterzug donnert durch den Gehörgang. Der Schmerz ist enorm. Als ich auf die Plattform steige, rinnt ein Tropfen Blut aus der Nase. In den nächsten Stunden höre ich wenig und auch das nur sehr dumpf. Dennoch bin ich überwältigt, ja berauscht. Ich weiß aber: Meiner Nebenhöhlen wegen wird diesem ersten Tauchgang kein zweiter folgen.
Zu meiner Freude hisst man die gelben Flaggen in den folgenden Tagen zunehmend früher und lässt auch das Pfeifen sein. So darf ich zu etwas ferneren Abschnitten des Riffhangs schnorcheln. Die "Venus" bringt mich zu drei anderen Riffen. Sie werden komplett vom Meer umspült und sind schon etlichen Schiffen zum Verhängnis geworden: Das von weitem sichtbare Wrack der Loullia rostet seit 1981 dahin. Es zerfällt wie ein Tierkadaver. Anfangs sind die zwei Dutzend Ausflügler an Bord der Venus noch bunt durchmischt, dann bilden sich zwei Gruppen: Die Schnorchler plaudern über dies und das, die Taucher haben ihre eigenen Themen.
Ein weiteres Schiff bricht in Richtung des 1983 gegründeten Ras Mohammed Nationalparks auf. Wieder gibt es Korallengärten mit jeweils unterschiedlichem Antlitz zu schauen. Einmal schnorchle ich sogar durch einen spektakulären "Canyon" hindurch. Tief unter mir lauert eine dicke, dunkle Muräne: Das zum Atmen geöffnete Maul lässt sie besonders gefährlich aussehen.
Die Ausflugsschiffe dürfen keinen Anker auswerfen. Daher sind die Landeplätze vorgegeben. Hier liegt oft ein gutes Dutzend ähnlicher Wasserfahrzeuge. Einmal vergesse ich die Zeit und schwimme dann entsprechend hastig aufs nächste Schiff zu. Dessen Passagiere sind mir allerdings seltsam fremd. Die Crew kennt mich ebenfalls nicht. Natürlich wird auch dieses Gefährt nach Scharm zurückkehren. Doch in meiner Badehose steckt kein Geld für die Weiterfahrt mit Bus oder Taxi. Jetzt machen sich die langen Schnorchelflossen bezahlt! Damit flitzt man geradezu durch die Wellen, besonders in Rückenlage. Nach kurzer Odyssee erblicke ich endlich wieder vertraute Gesichter.
Hinter dem Küstenstreifen ragen die ockerfarbigen Berge der Sinai-Halbinsel auf. Lokale Veranstalter bieten Ausflüge an, unter anderem zum Katharinenkloster. Es wurde im 6. Jh. errichtet – dort, wo Gott Moses als brennender Dornbusch erschienen sein soll.
Ich runde meinen Aufenthalt mit einer Fahrt im gelben Semi-U-Boot ab; offenbar als einziger Europäer unter den knapp 60 Passagieren. Die Männer sind westlich gekleidet, die jungen Mädchen auch. Die Frauen tragen fast alle Kopftuch. Als ich neben einer Dame zu sitzen komme, fordert ihr Ehemann eine Rochade ein: Sie protestiert laut und kurz, dann tauschen die beiden Platz. Einige Frauen sind zur Gänze schwarz verhüllt, die Gläser ihrer Sonnenbrillen größer als die Sehschlitze. Im dunklen Bauch des Schiffs geben breite, seitlich angebrachte Glasfenster den Blick auf die Unterwasserwelt frei. Fische streifen in enormer Zahl vorbei. Das Gegenlicht verwandelt sie in schwimmende Scherenschnitte.
Noch einmal geht es im Minibus durch Scharm El-Scheich. Die ersten Touristen kamen während der israelischen Besetzung (1967 bis 1982) hierher. Nach erfolgter Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ägypten wurden es mehr und mehr. Heute ist Scharm auch wegen der Bars und Casinos beliebt. In Nabq Bay könnte man sein Geld ebenfalls spielend loswerden. Der Rest ließe sich in Shopping Malls oder in Fastfood-Restaurants US-amerikanischer Provenienz ausgeben.
Von den üblichen Protzbrocken abgesehen, ducken sich die Bauten eher in die Küstenlandschaft. Manche Hotelanlagen sind verlassen, andere offensichtlich im Bau steckengeblieben. Noch ein Terroranschlag, und wieder verlieren abertausende Ägypter ihre Arbeit. Daher wird der Rucksack sogar an den kleinen Häfen durchsucht. Und am Airport muss man die üblichen Sicherheitskontrollen nicht einmal, sondern gleich zweimal über sich ergehen lassen.