Was wäre aus Lanzarote ohne den Künstler und Visionär César Manrique geworden? Vielleicht eine Insel wie Teneriffa oder Gran Canaria, mit Hotelburgen überzogen und vom Massentourismus gequält. Beides gibt es auch in Lanzarote, allerdings konzentriert auf drei Zentren: Puerto del Carmen, Playa Blanca und Costa Teguise. Der Rest der Insel blieb integer. Manrique konnte diese Entwicklung nicht verhindern, nur verzögern und als Warner das Ärgste verhindern. 1919 in Arrecife, der heutigen Hauptstadt Lanzarotes, geboren, verlässt er die Insel, um in Madrid Malerei zu studieren. Nach vielen Erfolgen im Ausland kehrt er 1966 nach Lanzarote zurück und erkennt sofort die Lage: Lanzarote kann nicht ohne Tourismus überleben, aber es soll Qualitätstourismus sein. Gemeinsam mit einflussreichen Freunden bereist er die Insel, überzeugt die Bewohner von der Schönheit der autochthonen Architektur, stellt Regeln auf: Alte Häuser werden nicht abgerissen, sondern fachgerecht renoviert, kein neugebautes Haus oder Hotel soll höher sein als eine Palme, Reklametafeln sind verpönt. Um die Insel kulturell interessant zu machen und zugleich die Einzigartigkeit der von Vulkanen geprägten Landschaft zu erhalten, schafft er künstlerische Attraktionen wie die "Jameos del Agua" oder die "Cueva de los Verdes", Lavahöhlen im Inneren eines Vulkantunnels, in die er Restaurants und Konzertsäle einbaut. Für diese mystische Welt schrieb sein Freund und Weggefährte, der Maler und Komponist Ildefonso Aguilar, eine fast sphärenhafte Musik, die zu besonderen Anlässen gern gespielt wird. Zu einer beliebten Attraktion, die César Manrique schuf, zählt der Kaktusgarten. Im frühen Abendlicht entwickeln die Kakteen eine lichtdurchflutete feenhafte Aura. Ein Gang durch diesen Zaubergarten gleicht einer Meditation.
Sein erstes Wohnhaus baute César Manrique in Tahiche direkt in die Lavalandschaft. Große Fenster verbinden die Landschaft mit dem Inneren, die zum Himmel offenen Lavablasen wurden als Wohnraum ausgebaut. Als immer mehr Menschen diese neuartige Architektur besichtigen wollten, zog er kurzerhand nach Haria, um seine Ruhe zu haben. Haus und Garten in Tahiche sind heute ein viel besuchtes Museum und der Sitz der "Stiftung César Manrique". In der Hauptstadt Arrecife renovierte er das Castillo de San José und installierte darin das Museum für moderne Kunst. Von der Terrasse hat man eine direkte Sicht auf den Hafen, wo sich eine interessante Szenerie auftut: Ein riesiges Kreuzfahrtschiff versperrt den im Wasser stehenden Bronzereitern die Sicht auf den Horizont. Sie tauchen bei Ebbe auf und versinken mit der Flut oder mit den Wellen der ankommenden Schiffe fast bis zur Brust. Der britische Künstler Jason deCaires Taylor symbolisiert so in einfacher, aber umso beeindruckenderer Form die Gefahr des Massentourismus. Mit drei Millionen Touristen, die meisten davon Tagestouristen, die mit den Kreuzfahrtschiffen ankommen, erreichte Lanzarote 2018 die Grenze eines noch mit Umwelt und Einwohnern verträglichen Tourismus.
2019 feiert man den 100. Geburtstag César Manriques. Die César Manrique Stiftung und engagierte Umweltschützer werden die Gelegenheit nützen, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die der Insel durch unverantwortlichen Massentourismus drohen. Schon 1986 schrieb Manrique in seinem berühmten Manifest "Lanzarote stirbt": "Wir stehen vor dem Panorama einer Insel, die vom ausufernden, zerstörerischen Egoismus stupider und brutaler Spekulanten in die Klammer genommen wird. … Lassen wir nicht zu, dass die Geldgier und die üblen Absichten der Spekulanten aus unserer Welt eine standardisierte Hölle für Menschenmassen machen."