"Morgenstund’ hat Gold im Mund", ist eine Lebensregel, die im tschechischen Cheb (früher Eger) gerne als Zugeständnis für ein frühes Bier interpretiert wird. In der ehemaligen freien Reichsstadt versteht und spricht man Deutsch und weiß das flüssige Gold für die Kehle den ganzen Tag über zu würdigen. Sind anderswo ein heißer Kaffee oder ein schneller Espresso gefragte Wachmacher, darf es zwischen Böhmerwald und Erzgebirge als Morgentrunk gerne ein "svetlé pivo" sein. Nichttrinker werden mitleidig belächelt, gelten als nicht gesellschaftsfähig und
"komische Käuze".
Im schummrig-gemütlichen Altstadt-Pub "Deravý Kotel" (Lochkessel) in der Zidovská 18 wischt sich Michael den Schaum vom Mund. Während am Tresen Arbeiter und Studenten nach einem zweiten "Frühstück" im Halbliterkrug verlangen, schiebt der Kunstmaler aus Deutschland den schweren rustikalen Holztisch beiseite und macht sich auf den Weg in seine Atelierstube. In Eger habe schon sein Großvater gewohnt und gearbeitet, erzählt er auf dem langgestreckten Marktplatz mit den sorgfältig sanierten, bunt gestrichenen Häusern. Ab und zu besuche er seine Eltern "nebenan", im 15 Autominuten entfernten Bayern. Als Wohn- und Arbeitsort ziehe er aber Cheb vor. Miete, Essen und Trinken seien fast 50 Prozent billiger.
Auf dem von zwei Brunnen geschmückten Markplatz zeigt er hinüber zum "Stöckl": "Ein Geschichten erzählendes Juwel der Egerer Architektur", beschreibt Michael das freistehende Konglomerat kleiner Fachwerkhäuser auf dem buckeligen Pflaster. Dann verschwindet er mit Blick auf seine mehr als 80 Jahre alte Eisenbahner Taschenuhr eilig in eine der romanischen Seitengassen.
Mittlerweile scheint die Sonne auf die einst jüdischen Kaufmannshäuser, die 1270 einen Stadtbrand überstanden. Das nur 160 Zentimeter breite Krämergässchen teilt den wundersamen Komplex aus elf eng ineinander verschachtelten Gebäuden in zwei Blöcke. Chebs beschauliches Stadtbild, mehr jedoch ein geschichtliches Ereignis machen die Stadt nach Jahren des Verfalls zum Ziel für Kurzurlauber und Flaneure.
Als Goethe 1821 nach Eger reiste, soll er dem gastgebenden Bürgermeister enttäuscht vorgehalten haben, dass es keine wegweisenden Informationen zu Wallenstein gäbe, der doch in der tragischen Stadtgeschichte eine herausragende Rolle spielte. Unrecht hatte der Herr Geheimrat nicht. Immerhin kamen seit Schillers 1799 vollendeter Trilogie "Wallensteins Tod" etliche Geistesgrößen an die Eger. Aber erst, als sich der Pulverdampf der Geschichte gelegt hatte, richteten die Stadtväter in jenem Haus, in dem der Generalissimus der kaiserlichen Armee 1634 auf Befehl von Kaiser Ferdinand II. ermordet wurde, ein Museum ein. Im Pachelbelhaus unmittelbar hinter dem "Stöckl" widmet sich eine Ausstellung Geschehnissen aus dem Dreißigjährigen Krieg.
Ob der ehrgeizige Feldherr tatsächlich einen Staatsstreich gegen seinen Kaiser plante oder das Opfer von Intrigen war, bleibt im Dunkel. Dafür zeigt das Bezirksmuseum Habseligkeiten von Wallenstein, dessen rekonstruierten Todesraum sowie die Partisane, mit der ein kaisertreuer Hauptmann den tödlichen Stoß geführt haben soll. Begehrtes Schauobjekt ist das in der Schlacht bei Lützen getötete Pferd des böhmischen Herzogs. Wallenstein ließ "Amore mio" 1632 nach Prag schaffen und präparieren. 350 Jahre später wirbt Chebs Museum damit, das vermutlich älteste ausgestopfte Pferd Mitteleuropas erworben zu haben. Beim Anblick des filigranen Vierbeiners bedarf es allerdings einiger Fantasie, darin ein ehemaliges Schlachtross zu entdecken.
Seit 2005 taugt die Historie des legendären Heerführers zum Spektakel regelmäßiger Wallenstein-Festspiele in Cheb. Einer von vielen Schauplätzen ist die "Chebský hrad", die hoch über dem Flusslauf der Eger gelegene Burg. Wer es nun schafft, dem duftenden kulinarischen Erbe aus der k.u.k Monarchie, wie bayerisch-österreichischem Schweinebraten, böhmischem Apfelstrudel, Wiener Palatschinken und ungarischem Gulasch in den Straßenrestaurants (vorerst) zu wiederstehen – Vegetarier haben hier ohnehin keine große Auswahl –, erreicht mit strammen Schritten in 15 Minuten den schwarzen kantigen Gefängnisturm der Festung.
Gut möglich, dass plötzlich eine Reitergruppe über die Zugbrücke prescht oder vor dem Burgtor zwei mittelalterlich gewandete Söldner mit gekreuzten Lanzen den Weg versperren: "Laut allerhöchst von Seiner Kaiserlichen Majestät bestätigten Verordnung ist Passieren nur mit Eintrittskarte gestattet!" Der Auftritt ist Blickfang für Heerlager und Turnierspiele im Festungshof der 800 Jahre alten, von Friedrich Barbarossa I. gebauten, einst wuchtigen Kaiserpfalz, welche dem finsteren Mittelalter ein eher folkloristisch-harmloses Gesicht verleihen.
Auf dem Weg zurück in die Altstadt lohnt ein gelegentlicher Blick auf die Hausfassaden, von denen merkwürdige Gestalten herabglotzen und feixen. Künstler aus ganz Tschechien haben die Figuren in Nischen und Kartuschen gestellt, die früher Statuen und Wappen der Hausbesitzer vorbehalten waren. In einer Wand hinter dem "Stöckl" zum Beispiel thront David auf Goliaths Kopf. David ist als Buddha, Goliath als der Boxer Mike Tyson dargestellt.
Bei der Suche nach schattigen Plätzchen und einem kühlen Umtrunk leitet auf dem Altstadt-Boulevard eine "Zeitachse" Schritt für Schritt durch gute und schlechte Zeiten in Cheb/Eger. Wie ein kleines Geschichtsbuch ist die Fußgängerzone "gepflastert" mit Geschehnissen aus 950 Jahren. Vom Schlusspunkt der Chronik nahe dem Bahnhof, fahren Busse ins fünf Kilometer entfernte Franzensbad.
Dieser Archetyp eines biedermeierlichen Heilbades gehörte anfänglich zum Stadtgebiet von Eger und ist das heimeligste und bei weitem anmutigste der drei westböhmischen Weltbäder. Gesäumt von schattigen Parkanlagen sind Ruhe und Erholung jenseits vom Schaulaufen neureicher Wendeprofiteure das Maß aller Dinge. Wenn die Schriftstellerin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach Mitte des 19. Jahrhunderts giftete, dass hier die Damenwelt ungeniert Mode vorführe, "gleichgültig, was drinnen steckt, ob wattiertes Gerippe oder formloser Koloss", trifft diese Beobachtung auf das heutige Mittelklassepublikum reiferen Alters kaum mehr zu.
Damals bummelten vor den kaisergelben Kolonnaden und palastähnlichen Bauten Herrschaften des Hochadels, biedere Bürger, Bauern und Heilungsuchende aus Armenspitälern. In Nachthemd und Morgenrock begegnete man sich morgens an den Brunnen zur kollektiven Trinkkur mit dem berühmten abführenden Wasser, das schon 100 Jahre früher in der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie geschätzt wurde. Das Lindern von Wehwehchen hob Standesschranken auf, wie es im Alltagsleben unvorstellbar war.Schwefeleisenhaltiges Moor und Heilgase ergänzen heute die 24 Quellwasser des nach Kaiser Franz I. benannten Kurortes. Bei dessen Pavillon mit der Hauptquelle steht die "vielversprechende" Statue des "Franzel". Der Knabe mit Fisch ist das Wahrzeichen des Kurortes und Symbol für Fruchtbarkeit. Frauen, die das "beste Stück" des Nackedeis anfassen, verspricht Franzel, bald in guter Hoffnung zu sein. Also, Finger weg! Oder auch nicht. Der "Zugriff" ist immerhin die preiswerteste, wenn auch nicht die erfolgversprechendste Kuranwendung in "Kaiser-Franzdorf".