Wenn man durch die verwinkelte Altstadt von Mödling spaziert, dann kann man plötzlich vor einem Biedermeierhaus mit einem Geschäftslokal stehen. "Welt-Laden" steht auf dem Firmenschild, "Das Fachgeschäft für fairen Handel". Dort kann man Peter Thomas begegnen. Er ist 79 Jahre alt und steht an zwei oder drei Tagen in der Woche hinter der Theke. "Ich muss etwas tun", sagt er. "Ich muss eine Beschäftigung haben. Ich kenne auch Leute, die, nachdem sie in Pension gegangen sind, in kurzer Zeit vergreisen."
Nein, vergreist ist Peter Thomas mit Sicherheit nicht. Er ist Jahrgang 1940 und seit 19 Jahren in Pension. Davor betrieb er Buchhandlungen, die schon sein Urgroßvater begründet hatte, einen Kunsthandel, ein Modegeschäft. Das ist alles vorbei. Jetzt gibt er Bücher heraus und arbeitet unentgeltlich im Weltladen mit. Mit Überzeugung und Engagement, weil ihm die Idee des "Fairtrade" gefällt, der Kinderarbeit ausschließen und gerechte Löhne für die Produzenten garantieren soll.
"Man muss etwas zurückgeben", sagt er. "Ich bin in einer angenehmen Zeit aufgewachsen. Mir ist es immer gut gegangen." Außerdem beschäftigt er sich im "Welt-Laden" genau mit dem, womit er sein Leben lang am besten umgehen konnte: "Einkauf, Verkauf, Werbung." Mehr als ein halbes Jahrhundert Berufserfahrung.
Szenenwechsel: Im Südwesten von Wien, nicht weit entfernt vom Naturschutzgebiet Lainzer Tiergarten, hat Irene Ammerer ihre psychotherapeutische Praxis. Der Arbeitsraum im Erdgeschoß ist groß und behaglich, die Fenster schauen auf einen Garten hinaus, in dem im Frühling allerlei Vögel begeistert zwitschern. Ein wunderbarer Platz, um zu sich selbst zu finden, worum es für die Klientinnen und Klienten ja geht, die hierher kommen.
Vor sieben Jahren ist Irene Ammerer formell in Pension gegangen. Danach hat sie zwar ihr Pensum reduziert, arbeitet aber immer noch regelmäßig an zwei Tagen in der Woche. Auch sie kann, wie Peter Thomas in Mödling, auf eine Berufserfahrung von vielen Jahren zurückgreifen und bestätigt, dass sich die Arbeitsfähigkeit mit den Jahren nicht verringern muss. "Durch viele Jahre der Erfahrung und Weiterbildung bin ich mit meiner Arbeit zutiefst verbunden. Alles, was ich in mein Leben integriert habe, kann ich auch so weitergeben, dass es angenommen werden kann. Es ist für mich leicht und entspannt geworden."
Zu Beginn ihres Berufslebens war Irene Ammerer Volksschullehrerin. Dann ging sie für einige Jahre in die Entwicklungshilfe nach Afrika, nach Burkina Faso, um genau zu sein. Dort unterrichtete sie und konnte in einem Krankenhaus bei der Betreuung von polioerkrankten Kindern mitarbeiten. Nach Österreich zurückgekehrt, absolvierte sie schließlich die Ausbildung zur Psychotherapeutin. Sie kann sich noch daran erinnern, wie unsicher sie war, als sie ihre erste Klientin empfing. "Ich war voll Freude, nach sieben Jahren Ausbildung endlich beginnen zu können, und gleichzeitig hatte ich Angst, nicht kompetent genug zu sein."
Die Erfahrung des Alters ist natürlich nicht alles. Es geht auch darum, wie man mit ihr umgeht. Peter Thomas, der im "Welt-Laden" in einem Kreis von fünfzehn Kolleginnen und Kollegen arbeitet, die alle jünger sind als er, findet es wichtig, sich manchmal zurückzunehmen. "Von früher habe ich noch die Tendenz, den Unternehmer raushängen zu lassen", sagt er. Das kommt natürlich aus seiner aktiven Zeit, als er immer wieder Mitarbeiter zur Rede stellen musste, wenn etwas seiner Meinung nach nicht richtig gemacht wurde.
Dergleichen käme heute natürlich nicht mehr gut an. "Außerdem wäre es ein Irrtum", fügt er nachdenklich hinzu, "zu glauben, dass man als Älterer automatisch mehr weiß. Die Zeiten sind unglaublich kurzlebig geworden." Nein, wenn es die Kraft des Alters gibt, dann bezieht sie sich sehr oft auf Traditionen, die trotz rasanter technischer Entwicklungen ihren Wert nicht verlieren. Das beginnt mit dem elementaren Know-how des Buchhändlers, das über drei Generationen überliefert wurde. Betritt zum Beispiel ein Kunde den Laden, dann wird er mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßt, auch wenn er nichts kauft. Oder "die gute Produktkenntnis": "Zum Beispiel kommt jemand in den Laden und sucht ein Geschenk für eine Bekannte, die gerade von der einer Reise nach Kenia zurückgekehrt ist. Da sollte man natürlich wissen, welche Produkte aus Kenia wir auf Lager haben."
Doch verhält es sich nicht so, dass er nur noch Erfahrung aus früheren Tagen verwertet. Er kann auch noch neue Ideen einbringen. Da ist zum Beispiel die Sache mit der "Mödling-Schokolade". Seine Idee, gemeinsam mit der Schokolade-Manufaktur Zotter Schokoladeriegel in einer eigens entworfenen Verpackung herauszugeben, die die Stadt Mödling zeigt, kam anfangs im Laden gar nicht gut an. Er musste darum kämpfen, weil es niemand für möglich gehalten hatte, davon auch nur tausend Stück abzusetzen. Doch der Einsatz lohnte sich, und es entstand eine Schokoladeriegel mit einem Motiv aus Mödling (gestaltet von der Malerin Ilse Heistinger). Der Erfolg überraschte alle, und wenig später stieg der Umsatz auf fast 5000 Stück.

Die Wirkkraft
Auf so einen Erfolg ist man natürlich stolz, auch im Alter von 79 Jahren. Er entspricht dem, was die Psychotherapeutin Irene Ammerer unter dem Begriff "Wirkkraft" zusammenfasst. "Wenn ich arbeite, spüre ich meine Wirkkraft", sagt sie. "Das Gefühl, dass ich viel zu geben habe, etwas bewirken darf. Ich bin ja nicht nur älter geworden, sondern hoffentlich auch ein Stück ‚weiser‘. Wichtige Qualitäten, wie zum Beispiel Geduld, Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Menschen, Mitgefühl und Akzeptanz haben sich im Laufe der Jahre vertieft. So hat sich natürlich auch meine Haltung den Klienten und Klientinnen gegenüber verändert. Zu Beginn gab die ‚Rolle der Therapeutin‘ auch Sicherheit und Orientierung, wenn es im Prozess herausfordernd wurde. Heute stehen vor allem Respekt und Gleichwertigkeit im Vordergrund."
Dank der Jahre in einem Entwicklungsland sieht sie natürlich den Unterschied zwischen den Kulturen sehr viel deutlicher als Menschen, deren Lebenserfahrung sich auf nur einen Kulturkreis beschränken. Unter den einfacheren Lebensverhältnissen in Burkina Faso war es nämlich noch üblich, dass die Menschen abends zusammensaßen und die Alten erzählten. Dort gab es eine ganz ursprüngliche Verbindung zwischen den Generationen, die in der industrialisierten Welt in dieser elementaren Form längst verloren gegangen ist. "Wir leben nicht mehr in einer Kultur, die das Alter schätzt", sagt sie. "Aber die Älteren haben immer noch viel zu geben. Sie verfügen über einen Schatz an Lebenserfahrung, der viel wert ist."
Durch solche Überlegungen könnte man zu dem Schluss kommen, dass die ältere Generation unter den modernen Lebens-
umständen ihren Platz selbst definieren muss. Was nicht so einfach ist, wie es vielleicht klingt. Weil es darum geht, die richtigen Strukturen zu schaffen.
"Struktur ist wichtig", meint Irene Ammerer, "und es ist immer wieder ein Akt der Balance zwischen zeitlicher Verpflichtung und Phasen von Freiraum ohne Termine. Seit mein Mann in Pension ist, nehme auch ich mir mehr Freizeit für kleine gemeinsame Reisen zwischendurch, und ich habe länger Urlaub im Sommer. Früher bin ich sehr kontinuierlich für meine Klientinnen und Klienten zur Verfügung gestanden – das ist einer von vielen ‚Luxusaspekten‘ in der Pension, den ich mir nun gönne."
Aber die Prioritäten sind klar. "Reisen ist fein", sagt sie. "Aber so lange ich meine Arbeit mit so viel Freude mache, werde ich dies anbieten. Menschen zu begleiten, fühlt sich für mich wie meine ‚Seelenaufgabe‘ an. Es ist genau das, was ich tun möchte und immer noch sehr erfüllend." Und das kann noch lange gehen, eine Freundin, die ebenfalls Psychotherapeutin ist, arbeitet im Alter von achtzig Jahren immer noch.
Es scheint sie also zu geben, die Kraft des Alters, ein Potenzial, auf das die moderne Gesellschaft gerne vergisst. Vielleicht auch deswegen, weil solche Ressourcen nicht so leicht in ökonomischem Sinn in Profit umrechenbar sind.